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Politische Strategien gegen die Ausgrenzung von Mädchen und jungen Frauen in Europa 8.-11.5.2001 in Berlin : Europa-Forum: Zukunft Europa - Zukunft für Mädchen !? Beitrag : Eva Kultus / PAPATYA
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| Zur
Situation von Migrantinnen in Europa und ihr Zugang zu Hilfesystemen
Nach fast 40 Jahren
Einwanderung aus der Türkei nach Deutschland ist es heute kaum mehr möglich,
allgemein gültige Aussagen über die Situation von Frauen und Mädchen
türkischer Herkunft zu treffen:
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| Dennoch machen wir in unserer Arbeit in der Kriseneinrichtung
PAPATYA seit 15 Jahren Erfahrungen, die auf eine Vielzahl der Mädchen zutreffen, die zu uns kommen. Ich will ausdrücklich betonen, dass wir in unserer Arbeit nur einem Ausschnitt von Mädchen und jungen Frauen begegnen. Als Sozialpädagoginnen und Mitarbeiterinnen der Jugendhilfe schauen wir auf die, die auffallen, und die, die rausfallen. Über diesen Ausschnitt will ich sprechen, es handelt sich |
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| Die Mehrheit der jungen Mädchen türkischer oder arabischer Herkunft in Berlin hat entweder keine so großen familiären Probleme oder kann sich selbst Lösungswege schaffen, ohne uns zu benötigen. Allerdings gibt es auch diejenigen, die uns nicht erreichen, weil sie völlig eingesperrt leben, abgeschottet von jedem Zugang zu Hilfesystemen, oft der deutschen Sprache nicht kundig, und manchmal auch schon in der Persönlichkeit gebrochen. PAPATYA ist eine Kriseneinrichtung für Mädchen überwiegend türkischer (inzwischen zunehmend multinationaler) Herkunft und bietet seit 15 Jahren Schutz, Zuflucht und Beratung für Minderjährige und junge Frauen, die vor Gewalt in der Familie fliehen. Wir haben eine Zufluchtswohnung mit 8 Plätzen in Berlin. Die Adresse wird zum Schutz der Mädchen vor Verfolgung durch ihre Familien geheim gehalten. Das Aufnahmealter liegt zwischen 13 und 21 Jahren, die meisten Mädchen sind 15-18 Jahre alt. Die Einrichtung beschäftigt qualifizierte deutsche, türkische und kurdische Mitarbeiterinnen, die über interkulturelle Kompetenz und langjährige Erfahrung in der Krisenarbeit mit von Gewalt betroffenen Frauen und Mädchen verfügen. Bis heute fanden mehr als 1000 Mädchen bei PAPATYA Zuflucht. Der Träger von PAPATYA ist der Türkisch-Deutsche Frauenverein, ein kleiner gemeinnütziger Verein von deutschen und türkischen Frauen, die sich insbesondere für den Schutz von Mädchen und jungen Frauen aus der Türkei vor familiärer Gewalt einsetzen als Beitrag gegen Diskriminierung und für Chancengleichheit. Die rechtliche Grundlage für die Aufnahme ist die Inobhutnahme nach §42 KJHG, (übrigens der einzige § im Kinder- und Jugendhilfegesetz, der dem Jugendlichen ein eigenes Antragsrecht zubilligt, alle anderen Hilfemaßnahmen richten sich als Hilfe zur Erziehung ausschließlich an die Eltern). Wir werden noch vom Berliner Senat über Zuwendung finanziert, die jedoch seit 6 Jahren gedeckelt ist und die Kosten nicht mehr deckt. Wir müssen uns daher ständig um zusätzliche Finanzquellen bemühen, um unsere Zuflucht weiter offen halten zu können. Nicht zuletzt deswegen beteiligt sich der Türkisch-Deutsche Frauenverein seit 4 Jahren an der Gemeinschaftsinitiative "DAPHNE" der europäischen Union mit dem Schwerpunkt: "Schutz für Mädchen und junge Frauen muslimischer Herkunft vor Gewalt in der Familie". Mittlerweile haben wir ein Netz von Organisationen und Vereinen in etlichen europäischen Ländern geknüpft, die alle im Bereich Hilfe für Mädchen und junge Frauen, insbesondere jugendliche Migrantinnen aus dem islamischen Kulturkreis und ethnischer Minderheiten arbeiten. Dieses Netzwerk ist inzwischen ausreichend groß und gefestigt, um vergleichende Studien über die Lage junger Migrantinnen in Europa vornehmen zu können und gemeinsame Aktivitäten ins Auge zu fassen. Gewalt und sexuellen Mißbrauch gibt es auch in Migranten- und Flüchtlingsfamilien. Gerade in diesen Familien ist dieses Thema noch mehr tabuisiert und dadurch für die Betroffenen noch schwieriger, auszubrechen und Hilfe zu finden. Massive Anwendung von Gewalt kommt wie in deutschen Familien vor allem in Multiproblemfamilien vor, in denen Arbeitslosigkeit, kleine Wohnungen, Trennung der Eltern und Kriminalität eine Rolle spielen. Hinzu kommen häufig Hinderung am Schulbesuch oder Ausbildung sowie Ausgangsverbot. Selbst Kontakte zu Freundinnen sind häufig verboten, einen Freund zu haben undenkbar (bzw. nur heimlich). Es bleibt die Reduzierung auf Hausarbeit und Versorgung der Geschwister. Patriarchalische Erziehungsmethoden wie Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber den Eltern und Älteren und ein übersteigerter Jungfräulichkeitsmythos machen es betroffenen Mädchen fast unmöglich, sich zu wehren und Unterstützung innerhalb der Familie zu finden. Eine besondere Form von sexueller Gewalt ist die Zwangsverheiratung. In Migrantenfamilien dient sie nicht zuletzt als Mittel der Familienzusammenführung. Immerhin fast 30% der Mädchen bei PAPATYA war von Zwangsheirat bedroht oder bereits gegen ihren Willen verheiratet worden. Auch Mädchenhandel in Form von "verkauften Bräuten" stellt eine besondere Problematik von Mädchen und jungen Frauen aus Kulturen mit stark patriarchalen Strukturen dar. Ehrmorde und genitale Verstümmelung sind die extremsten Ausdrucksformen der Verfügungsgewalt über Mädchen und Frauen. Unverändert über die Jahre, und inzwischen wissen wir auch, unverändert über die Länder- und Kulturgrenzen hinweg, versuchen Familien aus dem islamischen Kulturkreis ihre Töchter, die vor Gewalt und Mißbrauch fliehen, wegen der Familienehre wieder nach Hause zu holen. Tatsächlich wird dieses traditionelle Familienmodell in Bezug auf die Mädchenerziehung immer wieder angeführt, unabhängig davon, wie weit sich die Familie ansonsten von ihrer dörflichen Tradition entfernt hat. Darin unterscheiden sich pakistanische Familien in London nicht von algerischen Eltern in Paris oder türkischen in Berlin. Um die Mädchen und jungen Frauen vor unerwünschten Übergriffen ihrer Familie zu sichern und ihnen Zeit und Ruhe zum Nachdenken und Entwickeln neuer Lebensperspektiven zu geben, braucht es Einrichtungen mit geheimer Adresse und besonderem Schutzcharakter. Dann kann die Zeit der Krise und des Umbruchs als Chance genutzt werden. Die Problematik von betroffenen Mädchen und jungen Frauen bleibt oft unsichtbar und ungehört. Durch die Migration sind familiären Netzwerke, die schützend einwirken und Zuflucht bieten könnten, kaum vorhanden. Die Großfamilie lebt zerstreut und weit weg. Die soziale Kontrolle durch Nachbarn ist stark, vor allem in den von Ausländern dicht bewohnten Stadtteilen. Im "Ghetto" ist der soziale Druck auf die Familien besonders groß, und das Ansehen ist leicht verloren und nur schwer wieder hergestellt.
Ganz besonders benachteiligt sind dabei die Mädchen und jungen Frauen aus Migrantenfamilien aus der Türkei, vom Maghreb oder dem indischen Subkontinent, die starken patriarchalen Zwängen unterworfen sind. Selbst wo es organisierte Unterstützung für Migrantinnen gibt, ist diese meist nicht an die Minderjährigen gerichtet. |
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Bei der Betrachtung der Situation von Migrantinnen in den verschiedenen europäischen Ländern ist zu berücksichtigen |
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| Es gibt innerhalb Europas ganz unterschiedliche nationale Modelle im Umgang mit dem Fremden. Das hat zum einen seinen Ursprung in der kolonialen Geschichte: die Niederlande, Frankreich und England sind Ziel von Einwanderern aus ihren früheren Kolonien. Zum anderen spielen die gemeinsamen ideellen Grundlagen einer Gesellschaft eine Rolle: Laizismus (also strikte Trennung von Kirche und Staat) in Frankreich ebenso wie - für viele erstaunlich- in der Türkei, Katholizismus in Spanien, Liberalismus in Holland oder Großbritannien. Ich will versuchen, an der Frage des islamischen Kopftuchs diesen unterschiedlichen Umgang deutlich zu machen. Die Niederlande und Schweden gelten als die Länder der größten Toleranz gegenüber allem, was von der Mehrheitsgesellschaft abweicht: jeder soll nach seiner Facon glücklich werden, kulturelle Eigenheiten sind geschützt, selbstverständlich ist das Kopftuch in der Schule erlaubt. Wir waren bei unserem Besuch bei unserer Partnerorganisation in Rotterdam "SAADET, Zuflucht für islamische Mädchen und Frauen", erstaunt, daß ein erheblicher Anteil der Mitarbeiterinnen der Frauenzuflucht selbst das Kopftuch trägt. Wir in Deutschland verhalten uns in der Kopftuchfrage zwiespältig, wir schwanken zwischen Toleranz gegenüber Minderheiten und den Prinzipien von Frauenrechten und Gleichheit der Geschlechter: |
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In England wiederum wird die lange Immigration aus den zahlreichen ehemaligen Kolonien des Common Wealth deutlich. Die verschiedenen Migrantengemeinden sind nicht nach Religion zusammengefaßt, sondern nach Herkuftsland und -kultur. Die meisten Beratungs- und Zufluchtstellen begreifen sich als politische Organisationen für Rechte von Minderheiten. Das Kopftuch ist Privatsache. Die Religion wird nicht erfaßt. Das führt allerdings auch dazu, daß wir über das Problem der Zwangsverheiratung bei indischen und pakistanischen Frauen sprachen, aber nicht herausfinden konnten, ob gleichermaßen muslimische wie hinduistische Frauen und Mädchen davon betroffen sind. Die Diskussion um das Kopftuch erregt die Gemüter in Frankreich: als Laizistischer Staat, der eine strikte Trennung von Kirche und Staat auf allen Ebenen vertritt, verbietet er das Kopftuch sowohl den Schülerinnen wie auch allen Angestellten des Öffentlichen Dienstes. Es gibt im übrigen auch keine christlichen Kreuze in den Schulen, wie es etwa bei uns in Bayern der Fall ist. Es gibt auch kein schulfrei für religiöse Feiertage, weder christliche noch muslimische. Die muslimische Gemeinde fühlt sich dadurch unterdrückt, und nicht selten verbirgt sich hinter der Forderung nach dem Recht auf Kopftuch der Protest gegen gesellschaftliche Diskriminierung und Ungleichbehandlung. Hier trifft sich übrigens die französische Haltung mit der Türkischen: Auch die Türkei ist seit Atatürk ein laizistischer Staat, wenn auch mit Widersprüchen. Jedenfalls ist auch dort das Kopftuch an den Schulen sowohl für Schülerinnen wie Lehrerinnen verboten, an der Universität und im Parlament gab es gewaltsame Auseinandersetzungen darum. Frauen gehen für das Recht auf Kopftuch auf die Straße. Anhand von Beispielen aus London, Paris und Rotterdam will ich versuchen, die Möglichkeiten für junge Mädchen und Frauen aus dem islamischen Kulturkreis zum Schutz vor familiärer Gewalt in den verschiedenen europäischen Ländern zu verdeutlichen. Ich verzichte dabei darauf, auf die jeweiligen ausländerrechtlichen Bestimmungen einzugehen, obwohl dies natürlich existenziell wichtig ist für die Betroffenen, jedoch ein extra Referat erfordern würde.
Großbritannien:
Frankreich:
Niederlande:
Österreich hat eine ähnliche Migrationsgeschichte wie Deutschland. Die Kolleginnen in Wien, die mit Migrantinnen arbeiten, schauen nach Berlin, weil sie sagen, alles, was es in Deutschland gebe, komme mit einer Verspätung von 5-10 Jahren auch zu ihnen. Zu allen Projekten und Organisationen in den genannten Ländern haben wir in den vergangenen drei Jahren persönliche Kontakte geknüpft und stehen seitdem in fachlichem Austausch und gegenseitigem Informationsfluß. Das ist umso bemerkenswerter, da fast alle Partnerprojekte kleine, mit wenig finanziellen Mitteln arbeitende Nicht-Regierungsorganisationen sind, die zum größten Teil mit geheimer Adresse arbeiten müssen, um sich selbst vor gewaltsamen Übergriffen zu schützen.
Wir mußten feststellen, daß unsere Kriseneinrichtung PAPATYA für Mädchen türkischer Herkunft in Berlin tatsächlich europaweit modellhaft ist (nur in Holland haben wir ein vergleichbares Projekt gefunden) und von vielen Mitarbeiterinnen der Jugend- und Migrantinnenarbeit als nachahmenswert betrachtet wird. Die Zusammenarbeit mit Projekten innerhalb Deutschlands, die mit türkischen Mädchen und jungen Frauen arbeiten, ist ein wichtiger Baustein in unserem Netzwerk, weil mit diesen Kontakten ganz praktisch und direkt eine notwendige Unterstützung für Betroffene organisiert werden kann. |
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