Politische Strategien gegen die Ausgrenzung von Mädchen 
und jungen Frauen in Europa

8.-11.5.2001 in Berlin : Europa-Forum: Zukunft Europa - Zukunft für Mädchen !?
Beitrag : Eva Kultus / PAPATYA

  

Zur Situation von Migrantinnen in Europa und ihr Zugang zu Hilfesystemen

Nach fast 40 Jahren Einwanderung aus der Türkei nach Deutschland ist es heute kaum mehr möglich, allgemein gültige Aussagen über die Situation von Frauen und Mädchen türkischer Herkunft zu treffen:
   
    es gibt die erste, zweite und dritte Generation von türkischen MigrantInnen nebeneinander und immer wieder neu
  
    die Gründe für das Leben in Deutschland sind unterschiedlich: Arbeitsmigration, Familiennachzug, Heiratsmigration, Flucht vor Verfolgung
  
    die soziale Schicht ist wesentlich dafür, wie viele Ressourcen eine Familie hat, um Schwierigkeiten selbst zu bewältigen
  
    die möglichen Lebensentwürfe sind vielfältig, und die individuellen Biografien werden bestimmt von einer Vielzahl von oft widersprüchlichen Einflüssen
  

Dennoch machen wir in unserer Arbeit in der Kriseneinrichtung PAPATYA seit 15 Jahren Erfahrungen, die auf eine Vielzahl der Mädchen zutreffen, die zu uns kommen.
Ich will ausdrücklich betonen, dass wir in unserer Arbeit nur einem Ausschnitt von Mädchen und jungen Frauen begegnen. Als Sozialpädagoginnen und Mitarbeiterinnen der Jugendhilfe schauen wir auf die, die auffallen, und die, die rausfallen. Über diesen Ausschnitt will ich sprechen, es handelt sich 
  
    um diejenigen Mädchen, die sehr gravierende familiäre Probleme haben 
  
    deren Familien wenig oder keine Ressourcen haben, ihre Probleme innerhalb der Familie zu lösen und 
  
    die über kein eigenes soziales Netz verfügen sich selbst zu helfen
  
Die Mehrheit der jungen Mädchen türkischer oder arabischer Herkunft in Berlin hat entweder keine so großen familiären Probleme oder kann sich selbst Lösungswege schaffen, ohne uns zu benötigen.
Allerdings gibt es auch diejenigen, die uns nicht erreichen, weil sie völlig eingesperrt leben, abgeschottet von jedem Zugang zu Hilfesystemen, oft der deutschen Sprache nicht kundig, und manchmal auch schon in der Persönlichkeit gebrochen. 
PAPATYA ist eine Kriseneinrichtung für Mädchen überwiegend türkischer (inzwischen zunehmend multinationaler) Herkunft und bietet seit 15 Jahren Schutz, Zuflucht und Beratung für Minderjährige und junge Frauen, die vor Gewalt in der Familie fliehen. 
Wir haben eine Zufluchtswohnung mit 8 Plätzen in Berlin. Die Adresse wird zum Schutz der Mädchen vor Verfolgung durch ihre Familien geheim gehalten. Das Aufnahmealter liegt zwischen 13 und 21 Jahren, die meisten Mädchen sind 15-18 Jahre alt.
Die Einrichtung beschäftigt qualifizierte deutsche, türkische und kurdische Mitarbeiterinnen, die über interkulturelle Kompetenz und langjährige Erfahrung in der Krisenarbeit mit von Gewalt betroffenen Frauen und Mädchen verfügen. 
Bis heute fanden mehr als 1000 Mädchen bei PAPATYA Zuflucht.
Der Träger von PAPATYA ist der Türkisch-Deutsche Frauenverein, ein kleiner gemeinnütziger Verein von deutschen und türkischen Frauen, die sich insbesondere für den Schutz von Mädchen und jungen Frauen aus der Türkei vor familiärer Gewalt einsetzen als Beitrag gegen Diskriminierung und für Chancengleichheit.
Die rechtliche Grundlage für die Aufnahme ist die Inobhutnahme nach §42 KJHG, (übrigens der einzige § im Kinder- und Jugendhilfegesetz, der dem Jugendlichen ein eigenes Antragsrecht zubilligt, alle anderen Hilfemaßnahmen richten sich als Hilfe zur Erziehung ausschließlich an die Eltern). Wir werden noch vom Berliner Senat über Zuwendung finanziert, die jedoch seit 6 Jahren gedeckelt ist und die Kosten nicht mehr deckt. 
Wir müssen uns daher ständig um zusätzliche Finanzquellen bemühen, um unsere Zuflucht weiter offen halten zu können.
Nicht zuletzt deswegen beteiligt sich der Türkisch-Deutsche Frauenverein seit 4 Jahren an der Gemeinschaftsinitiative "DAPHNE" der europäischen Union mit dem Schwerpunkt: "Schutz für Mädchen und junge Frauen muslimischer Herkunft vor Gewalt in der Familie". 

Mittlerweile haben wir ein Netz von Organisationen und Vereinen in etlichen europäischen Ländern geknüpft, die alle im Bereich Hilfe für Mädchen und junge Frauen, insbesondere jugendliche Migrantinnen aus dem islamischen Kulturkreis und ethnischer Minderheiten arbeiten. Dieses Netzwerk ist inzwischen ausreichend groß und gefestigt, um vergleichende Studien über die Lage junger Migrantinnen in Europa vornehmen zu können und gemeinsame Aktivitäten ins Auge zu fassen. 
Gewalt und sexuellen Mißbrauch gibt es auch in Migranten- und Flüchtlingsfamilien. Gerade in diesen Familien ist dieses Thema noch mehr tabuisiert und dadurch für die Betroffenen noch schwieriger, auszubrechen und Hilfe zu finden. 
Massive Anwendung von Gewalt kommt wie in deutschen Familien vor allem in Multiproblemfamilien vor, in denen Arbeitslosigkeit, kleine Wohnungen, Trennung der Eltern und Kriminalität eine Rolle spielen. Hinzu kommen häufig Hinderung am Schulbesuch oder Ausbildung sowie Ausgangsverbot. Selbst Kontakte zu Freundinnen sind häufig verboten, einen Freund zu haben undenkbar (bzw. nur heimlich). Es bleibt die Reduzierung auf Hausarbeit und Versorgung der Geschwister. 
Patriarchalische Erziehungsmethoden wie Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber den Eltern und Älteren und ein übersteigerter Jungfräulichkeitsmythos machen es betroffenen Mädchen fast unmöglich, sich zu wehren und Unterstützung innerhalb der Familie zu finden.
Eine besondere Form von sexueller Gewalt ist die Zwangsverheiratung. In Migrantenfamilien dient sie nicht zuletzt als Mittel der Familienzusammenführung. Immerhin fast 30% der Mädchen bei PAPATYA war von Zwangsheirat bedroht oder bereits gegen ihren Willen verheiratet worden. Auch Mädchenhandel in Form von "verkauften Bräuten" stellt eine besondere Problematik von Mädchen und jungen Frauen aus Kulturen mit stark patriarchalen Strukturen dar. Ehrmorde und genitale Verstümmelung sind die extremsten Ausdrucksformen der Verfügungsgewalt über Mädchen und Frauen. 

Unverändert über die Jahre, und inzwischen wissen wir auch, unverändert über die Länder- und Kulturgrenzen hinweg, versuchen Familien aus dem islamischen Kulturkreis ihre Töchter, die vor Gewalt und Mißbrauch fliehen, wegen der Familienehre wieder nach Hause zu holen. Tatsächlich wird dieses traditionelle Familienmodell in Bezug auf die Mädchenerziehung immer wieder angeführt, unabhängig davon, wie weit sich die Familie ansonsten von ihrer dörflichen Tradition entfernt hat. Darin unterscheiden sich pakistanische Familien in London nicht von algerischen Eltern in Paris oder türkischen in Berlin. Um die Mädchen und jungen Frauen vor unerwünschten Übergriffen ihrer Familie zu sichern und ihnen Zeit und Ruhe zum Nachdenken und Entwickeln neuer Lebensperspektiven zu geben, braucht es Einrichtungen mit geheimer Adresse und besonderem Schutzcharakter. Dann kann die Zeit der Krise und des Umbruchs als Chance genutzt werden.
Ein katholisches Roma-Mädchen aus Ex-Jugoslawien kann übrigens die gleichen Probleme wie eine muslimische Bosnierin haben, und der christlichen Armenierin aus der Türkei ergeht es u.U. nicht anders als der Muslimin ebenfalls aus der Türkei.
Wir haben es also nicht einfach mit einem Religionskonflikt zu tun, auch nicht nur mit einem Kultur- und Migrationskonflikt, aber auch nicht allein mit einem Beziehungs- oder Familienkonflikt. Immer spielen alle Komponenten ein Rolle und vermischen sich zu einem untrennbaren Konglomerat.

Die Problematik von betroffenen Mädchen und jungen Frauen bleibt oft unsichtbar und ungehört. Durch die Migration sind familiären Netzwerke, die schützend einwirken und Zuflucht bieten könnten, kaum vorhanden. Die Großfamilie lebt zerstreut und weit weg. Die soziale Kontrolle durch Nachbarn ist stark, vor allem in den von Ausländern dicht bewohnten Stadtteilen. Im "Ghetto" ist der soziale Druck auf die Familien besonders groß, und das Ansehen ist leicht verloren und nur schwer wieder hergestellt.
Die Schwelle, familiäre Probleme in die Öffentlichkeit (Lehrer, Jugendamt, Beratungsstellen) zu tragen, ist hoch - umso höher, wenn Mädchen zusätzlich damit das Gefühl verbinden, Vorurteile und Klischees über ihre Herkunftskultur zu bestätigen. Durch unsere eigenen Arbeitserfahrungen sowie durch zahlreiche Studienreisen in England, Frankreich, Österreich, Schweden, Spanien, Niederlande sowie in die Türkei mussten wir feststellen, dass die von familiärer Gewalt betroffenen minderjährigen Mädchen häufig nicht die Hilfe finden, die sie brauchen. (Ich spreche ausdrücklich von allen Mädchen, nicht nur von denen ausländischer Herkunft. Für die erwachsenen Frauen gibt es wesentlich mehr Zufluchts- und Beratungsstellen sowohl in Selbsthilfe wie auch in öffentlicher Trägerschaft, auch die Vernetzung ist besser.)

Ganz besonders benachteiligt sind dabei die Mädchen und jungen Frauen aus Migrantenfamilien aus der Türkei, vom Maghreb oder dem indischen Subkontinent, die starken patriarchalen Zwängen unterworfen sind. Selbst wo es organisierte Unterstützung für Migrantinnen gibt, ist diese meist nicht an die Minderjährigen gerichtet.
  

    für die bestehenden Frauenhäuser sind diese Mädchen zu jung, dort dürfen Minderjährige nicht aufgenommen werden aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen zur elterlichen Sorge und Inobhutnahme.
  
    Selbst die über 18jährigen jungen Frauen sind dort schlecht untergebracht, weil sie weitaus unselbständiger sind als die dort lebenden erwachsenen Frauen, die vor ihren Ehemännern geflohen sind und weil sie andere Erfahrungen und Interessen haben. Auch die Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser fühlen sich von den jungen Frauen türkischer oder arabischer Herkunft überfordert. Interkulturelle Teams sind eher die Ausnahme als die Regel.
  
    während der Kinderschutz in den meisten europäischen Ländern einen gewissen Stellenwert hat, fallen Jugendliche häufig durch alle Raster. Zufluchtsstellen für Minderjährige gibt es in vielen Ländern gar nicht oder sie sind, wenn es sie gibt, mit soviel bürokratischen Hürden versehen, daß sich betroffene Mädchen nicht an die dafür zuständigen Stellen zu wenden wagen. Weitergehende Unterbringungsangebote nach einer Trennung von der Familie sind überwiegend noch monokulturell ausgerichtet.
  
    selbst wenn jugendliche Migrantinnen im Rahmen der Jugendhilfe betreut werden, werden diese Angebote häufig nicht den besonderen Bedürfnissen und Lebenslagen der Betroffenen gerecht. Nach Informationen des Statistischen Bundesamts in Deutschland wenden sich zwar überdurchschnittliche viele Mädchen ausländischer Herkunft an Jugendnotdienste und bitten um Inobhutnahme, aber nur ein unterdurchschnittlich kleiner Teil von ihnen landet in einer Einrichtung der Jugendhilfe. Offenbar sind die Hilfeangebote den speziellen Problemlagen dieser Mädchen nicht angepaßt und werden nicht angenommen.
  
    Hinzu kommt die oft fehlende materielle Unterstützung für jugendliche Migrantinnen, wenn ihr Aufenthaltsstatus nicht den Zugangsvoraussetzungen für öffentliche Hilfen entspricht.
  
Bei der Betrachtung der Situation von Migrantinnen in den verschiedenen europäischen Ländern ist zu berücksichtigen
  

1.

die Unterschiedlichkeit der Jugendhilfesysteme
  

2.

die unterschiedliche Geschichte der Migration
  

3.

unterschiedliche aufenthaltsrechtliche und andere rechtliche Bestimmungen
Wenn ich im Folgenden über unsere Beobachtungen in den verschiedenen Ländern spreche, so ist dieser Blick immer subjektiv und unvollständig. Als Blick von außen ist er aber für unsere Kolleginnen in den verschiedenen Ländern ein wichtiger Beitrag.
  
 Es gibt innerhalb Europas ganz unterschiedliche nationale Modelle im Umgang mit dem Fremden. Das hat zum einen seinen Ursprung in der kolonialen Geschichte: die Niederlande, Frankreich und England sind Ziel von Einwanderern aus ihren früheren Kolonien. Zum anderen spielen die gemeinsamen ideellen Grundlagen einer Gesellschaft eine Rolle: Laizismus (also strikte Trennung von Kirche und Staat) in Frankreich ebenso wie - für viele erstaunlich- in der Türkei, Katholizismus in Spanien, Liberalismus in Holland oder Großbritannien.
Ich will versuchen, an der Frage des islamischen Kopftuchs diesen unterschiedlichen Umgang deutlich zu machen.
Die Niederlande und Schweden gelten als die Länder der größten Toleranz gegenüber allem, was von der Mehrheitsgesellschaft abweicht: jeder soll nach seiner Facon glücklich werden, kulturelle Eigenheiten sind geschützt, selbstverständlich ist das Kopftuch in der Schule erlaubt. Wir waren bei unserem Besuch bei unserer Partnerorganisation in Rotterdam "SAADET, Zuflucht für islamische Mädchen und Frauen", erstaunt, daß ein erheblicher Anteil der Mitarbeiterinnen der Frauenzuflucht selbst das Kopftuch trägt. 
  
Wir in Deutschland verhalten uns in der Kopftuchfrage zwiespältig, wir schwanken zwischen Toleranz gegenüber Minderheiten und den Prinzipien von Frauenrechten und Gleichheit der Geschlechter:
  
    Das Kopftuch bei Schülerinnen ist gestattet, aber bei Lehrerinnen im Schuldienst nicht
  
    Die muslimischen Mädchen können zwar vom Schwimmunterricht befreit werden, aber nicht vom Sexualkundeunterricht im Fach Biologie
  
    Wir selbst in unserer Arbeit in der Zufluchtswohnung diskutieren immer wieder, ob wir auch eine Mitarbeiterin mit Kopftuch einstellen würden, und kommen immer wieder zum Ergebnis, daß wir uns unsicher wären, ob sie wirklich die Mädchen in ihrem Bruch mit den Normen der Familie abzeptieren und emanzipatorische Mädchenarbeit vertreten könnte
  
    Auch mit unserem Namen "Kriseneinrichtung für Mädchen aus der Türkei" versuchen wir einen kulturellen Hintergrund und keinen religiösen zu begründen, obwohl wir schon lange nicht mehr nur für Mädchen türkischer Herkunft da sind, sondern doch vielmehr für Mädchen und junge Frauen aus dem islamischen Kulturkreis.
  
In England wiederum wird die lange Immigration aus den zahlreichen ehemaligen Kolonien des Common Wealth deutlich. Die verschiedenen Migrantengemeinden sind nicht nach Religion zusammengefaßt, sondern nach Herkuftsland und -kultur.
Die meisten Beratungs- und Zufluchtstellen begreifen sich als politische Organisationen für Rechte von Minderheiten. Das Kopftuch ist Privatsache. Die Religion wird nicht erfaßt. Das führt allerdings auch dazu, daß wir über das Problem der Zwangsverheiratung bei indischen und pakistanischen Frauen sprachen, aber nicht herausfinden konnten, ob gleichermaßen muslimische wie hinduistische Frauen und Mädchen davon betroffen sind.
Die Diskussion um das Kopftuch erregt die Gemüter in Frankreich: als Laizistischer Staat, der eine strikte Trennung von Kirche und Staat auf allen Ebenen vertritt, verbietet er das Kopftuch sowohl den Schülerinnen wie auch allen Angestellten des Öffentlichen Dienstes. Es gibt im übrigen auch keine christlichen Kreuze in den Schulen, wie es etwa bei uns in Bayern der Fall ist. Es gibt auch kein schulfrei für religiöse Feiertage, weder christliche noch muslimische. Die muslimische Gemeinde fühlt sich dadurch unterdrückt, und nicht selten verbirgt sich hinter der Forderung nach dem Recht auf Kopftuch der Protest gegen gesellschaftliche Diskriminierung und Ungleichbehandlung. 
Hier trifft sich übrigens die französische Haltung mit der Türkischen: 
Auch die Türkei ist seit Atatürk ein laizistischer Staat, wenn auch mit Widersprüchen. Jedenfalls ist auch dort das Kopftuch an den Schulen sowohl für Schülerinnen wie Lehrerinnen verboten, an der Universität und im Parlament gab es gewaltsame Auseinandersetzungen darum. Frauen gehen für das Recht auf Kopftuch auf die Straße. 

Anhand von Beispielen aus London, Paris und Rotterdam will ich versuchen, die Möglichkeiten für junge Mädchen und Frauen aus dem islamischen Kulturkreis zum Schutz vor familiärer Gewalt in den verschiedenen europäischen Ländern zu verdeutlichen. Ich verzichte dabei darauf, auf die jeweiligen ausländerrechtlichen Bestimmungen einzugehen, obwohl dies natürlich existenziell wichtig ist für die Betroffenen, jedoch ein extra Referat erfordern würde.

Großbritannien: 
Wir waren schon lange auf der Suche nach Partnerorganisationen, die in London, der vermutlich größten multikulturellen Metropole Europas, mit Migrantinnen arbeiten. Die schwierige Suche stellte sich als strukturelles Problem heraus: es gibt kaum Londonweit arbeitende Einrichtungen, sondern alles ist nach Bezirken gegliedert. Infolge der Dezentralisierung und nach Auflösung des Inner City Council unter der Thatcher-Regierung handelt jeder Bezirk eigenständig und sehr unterschiedlich, entsprechend seinem Steueraufkommen und dem Reichtum bzw. der Armut des Bezirks. Die freien Träger sind stark ausgeblutet, haben große Existenznöte und sind an der Grenze ihrer Belastbarkeit angelangt. Die meisten leben von Spenden und Stiftungen. Um es vorwegzunehmen: wir waren vom sozialen Hilfesystem in London geschockt und sahen gleichzeitig unsere Zukunft hier in Berlin vor uns.
Für junge Mädchen, die vor familiärer Gewalt flüchten, gibt es kaum Hilfsangebote, vor allem für die Altersklasse von 16-18 Jahren klafft eine Lücke: verlassen Jugendliche von sich aus die Familie, haben sie keinen gesetzlichen Anspruch auf Hilfe, es sei denn, sie gehören zu einer besonderen Problemgruppe als Alleinerziehende, Schwangere, Behinderte oder Straffällige. Wo es keine Angebote für Jugendliche gibt, gibt es auch keine für Mädchen, also auch keine für Mädchen aus ethnischen Minderheiten. 
So desolat sich die Situation von Jugendlichen einerseits darstellt, so differenziert und vielfältig sind andererseits die Hilfsangebote verschiedenener Frauenberatungsstellen ethnischer Gemeinschaften, mit deren Mitarbeiterinnen wir uns unterhalten haben. Ausgehend von der in England generell viel verbreiteteren Idee, daß man Hilfe in seiner eigenen Community sucht versuchen sie, Selbsthilfegruppen und Netzwerke zu bilden.
Newham Asian Women's Project ist eine bezirklich orientierte Organisation, die seit 1981 im Stadtteil Newham arbeitet, eines der Problemviertel Londons. Sie leisten psychosoziale Beratung, Beratung in Bezug auf berufliche Qualifizierung, Rechtsberatung und bringen Frauen in Fällen häuslicher Gewalt in einem der beiden angeschlossenen Frauenhäuser unter. Da die Mitarbeiterinnen überwiegend der asiatischen Minderheit angehören, entfallen Sprachbarrieren und die Zugangsschwelle für die Klientinnen ist nicht so hoch. 
In den Frauenhäusern und in den betreuten Wohnungen können Frauen mit Kindern, die bisher isoliert und abhängig lebten, Selbständigkeit und Selbstverantwortung lernen, bevor sie eine eigene Wohnung beziehen. Der Bedarf übersteigt ihre Kapazitäten um das Dreifache. Beide Frauenhäuser befinden sich in Newham, was immer wieder zu Sicherheitsproblemen führt.
Minderjährige nehmen sie nur sehr ungern auf, weil das ihrer Erfahrung nach häufig zu Konflikten führt. Die meisten der jungen Frauen zwischen 16 und 21 Jahren, die die Familie verlassen, würden in Pensionen landen. Die überwiegende Zahl (90%) der eingewanderten Frauen sind nach den Zahlen von NAWP als Bräute gekommen - dies sei die einzige verbliebene Möglichkeit der Einwanderung. Zwangsheiraten seien im Alter von 16 Jahren häufig, wobei die Kolleginnen Wert darauf legen, zwischen arrangierten (arranged) und erzwungenen (forced) Heiraten zu unterscheiden. Das Heiratsalter ist ihrer Beobachtung nach im Sinken begriffen, da die Eltern hofften, daß die Mädchen ihnen weniger Widerstand entgegen setzen, je jünger sie sind.
Mittlerweile ist die Regierung auf dieses Problem aufmerksam geworden und hat eine Kommission eingesetzt. 
Ähnliche, meist kleinere Selbsthilfeprojekte, existieren auch in anderen Stadtteilen und für andere ethnische Gruppierungen. Allen gemeinsam ist, daß sie mit sehr viel ehrenamtlicher Tätigkeit und wenig öffentlichen Geldern arbeiten und den Hilfebedarf nicht ausreichend abdecken können.
Muslim Women Helpline ist eine explizit islamische Frauenorganisation, die mit Spendenmitteln ein Frauen-Notruf-Telefon betreibt. Für uns erstaunlich war ihre emanzipatorische Intepretation des Koran, die sich in ihren Beratungsinhalten ausdrückte: sie ermutigen betroffene Frauen, sich gegen familiäre Gewalt, sexuelle Gewalt und Zwangsverheiratung zur Wehr zu setzen und ihre eigenen Wünsche und Interessen zu vertreten. Im Notfall bringen sie Frauen im Frauenhaus unter. Sie schätzen, daß es ca. 2-3 Millionen Muslime in Großbritannien gibt, 70% aus dem asiatischen Raum.

Frankreich:
Ähnlich wie in England lebt in Frankreich eine große Zahl von MigrantInnen aus den ehemaligen Kolonien. Zudem wurden Arbeitskräfte aus Algerien, Tunesien, Marokko und der Türkei angeworben. Anders als in Deutschland wurde die in Frankreich geborene 2. Generation bereits französische Staatsbürger, was zumindest für die jungen Französinnen ausländischer Herkunft eine größere Sicherheit des Aufenthalts bedeutet. Da es kaum noch eine legale Möglichkeit gibt, nach Frankreich einzureisen, sollen häufig diese Töchter über Heirat einen Familienangehörigen ins Land holen. An dieser Frage entwickeln sich die schärfsten Familienkonflikte, und oft gehen Mädchen eine ungewollte Ehe ein, um sie innerhalb eines Jahres als erzwungen anullieren und den ungewollten Ehemann ins Herkunftsland zurückschicken zu lassen. Das gibt weniger Ärger als den eigenen Eltern zu widersprechen. So berichteten uns Mitarbeiterinnen von Les Nanas Beurs, einer kleinen Selbsthilfeorganisation von Frauen arabischer Herkunft in Paris. Auch die Kollegin von Elele, einer türkischen Beratungsstelle in Paris, arbeitet gemeinsam mit anderen Organisationen, die mit Migrantinnen arbeiten, in einem stadtweiten Arbeitskreis zum Thema Zwangsverheiratung. Darüber hinaus berichten sie über die gleichen Probleme junger Migrantinnen, wie wir sie erleben. Das Jugendhilfesystem scheint vergleichbar zu sein mit unserem. Allerdings ist es anscheinend kein Problem, bei schweren Familienkonflikten den Eltern das Sorgerecht/ bzw. Aufenthaltsbestimmungsrecht durch ein Gericht zu entziehen. Dann können Mädchen geschützt unter Geheimhaltung ihrer Adresse untergebracht und im Rahmen der Jugendhilfe betreut und finanziell unterstützt werden. Die von uns besuchten Projekte begreifen sich auch als Mediateure im Familienkonflikt. Das gehe aber nicht immer, da manchmal das Gewaltpotential zu groß sei.

Niederlande:
Als Vielvölkerstaat mit langer kolonialer Verhangenheit leben in Holland wesentlich mehr unterschiedliche Nationalitäten zusammen als bei uns. Die türkische Arbeitsmigration verlief in den Niederlanden übrigens ähnlich wie in Deutschland.
SAADET in Rotterdam hat zum Schutz der Frauen und Mädchen eine geheime Adresse und nimmt aus ganz Holland auf. Das kulturell und religiös aus zahlreichen Herkunftsnationen zusammengesetzte Team versteht seine Arbeit als "Zuflucht für islamische Mädchen und Frauen", definiert die Gemeinsamkeit über den Islam, jedoch nicht in erster Linie verstanden als Religion, sondern als Lebensweise und Tradition. Anders als bei uns leben in dieser Zuflucht minderjährige Mädchen mit erwachsenen Frauen zusammen. Die meisten Mädchen kommen, weil sie zwangsverheiratet werden sollen, weil sie mißhandelt wurden oder aufgrund von sexueller Gewalt und Inzest. Die Kolleginnen berichteten, die Inzestproblematik nehme ständig zu und die Probleme würden immer komplexer. Durch somalische Flüchtlinge ist SAADET seit einigen Jahren verstärkt mit den Auswirkungen genitaler Verstümmelung konfrontiert. 
Sie beobachten seit einigen Jahren eine Veränderung bei den Mädchen: so hat Bildung einen höheren Stellenwert erhalten, sie haben individuellere Lebensentwürfe, Zwangsverheiratung wird direkter abgelehnt und das Recht verteidigt, sich den Ehemann selbst zu wählen. 
Die interkulturelle Öffnung der sozialen Dienste ist in den NL weiter fortgeschritten als bei uns: z.B. sind beim Jugendschutz der Stadt Rotterdam 10% der Mitarbeiterinnen aus ethnischen Minderheiten, angestrebt sind 20%, allerdings liegt der Anteil von Kindern und Jugendlichen aus ethnischen Minderheiten in Kriseneinrichtungen und Heimen bei 70-80%.

Österreich hat eine ähnliche Migrationsgeschichte wie Deutschland. Die Kolleginnen in Wien, die mit Migrantinnen arbeiten, schauen nach Berlin, weil sie sagen, alles, was es in Deutschland gebe, komme mit einer Verspätung von 5-10 Jahren auch zu ihnen.
Schweden ist tatsächlich im Vergleich zu uns immer noch ein vorbildlicher Sozialstaat mit einer Vielzahl von Frauenhäusern und Hilfesystemen für von Gewalt betroffene Frauen ausgestattet, jedoch in Bezug auf Migrantinnen bisher wenig spezialisiert. Das liegt vor allem daran, daß der Migrantenanteil insgesamt relativ gering ist. Die Integrationsbemühungen sind hoch.
Spanien ist erst seit wenigen Jahren ein Einwanderungsland (vor allem für Migranten aus Nordafrika), nachdem in den 60er und 70er Jahren viele Arbeitskräfte nach Mitteleuropa emigriert waren. Nichts desto trotz schien uns in Barcelona die Angst vor Überfremdung groß.

Zu allen Projekten und Organisationen in den genannten Ländern haben wir in den vergangenen drei Jahren persönliche Kontakte geknüpft und stehen seitdem in fachlichem Austausch und gegenseitigem Informationsfluß. Das ist umso bemerkenswerter, da fast alle Partnerprojekte kleine, mit wenig finanziellen Mitteln arbeitende Nicht-Regierungsorganisationen sind, die zum größten Teil mit geheimer Adresse arbeiten müssen, um sich selbst vor gewaltsamen Übergriffen zu schützen.

Wir mußten feststellen, daß unsere Kriseneinrichtung PAPATYA für Mädchen türkischer Herkunft in Berlin tatsächlich europaweit modellhaft ist (nur in Holland haben wir ein vergleichbares Projekt gefunden) und von vielen Mitarbeiterinnen der Jugend- und Migrantinnenarbeit als nachahmenswert betrachtet wird. Die Zusammenarbeit mit Projekten innerhalb Deutschlands, die mit türkischen Mädchen und jungen Frauen arbeiten, ist ein wichtiger Baustein in unserem Netzwerk, weil mit diesen Kontakten ganz praktisch und direkt eine notwendige Unterstützung für Betroffene organisiert werden kann. 
Ein ganz direktes Ergebnis unseres DAPHNE-Projekts ist die Einrichtung eines Frauenhauses in Eskishehir/ Türkei, das auf Initiative einer türkischen Kollegin entstand, die über DAPHNE- Mittel zur Konferenz nach Berlin 1998 eingeladen wurde. 
Für die Zukunft haben wir uns vorgenommen, die Problematik der Zwangsverheiratung europaweit gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen anzugehen und geeignete Maßnahmen und Hilfestellung für betroffene Mädchen und junge Frauen zu entwickeln. Das Thema brennt allen auf den Nägeln, die mit jungen Migrantinnen aus dem islamischen Kulturkreis arbeiten, gleichermaßen, ob sie türkischer, arabischer oder asiatischer Herkunft sind. 

Ein weiterer Schwerpunkt wird sein, zunehmend die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen, ihrer Unsichtbarkeit entgegenzuwirken und ihnen Stimme und öffentliches Gehör zu verleihen. Die Anonymität und gleichzeitige Öffentlichkeit des Internets ist dazu ein geeignetes Forum, ohne die Mädchen und jungen Frauen weiteren Gefahren auszusetzen. Das gleiche gilt auch für die Zufluchtshäuser mit geheimer Adresse, die die Gratwanderung zwischen Öffentlichkeitsarbeit und Schutz der Einrichtung und ihrer Bewohnerinnen gehen. Gemeinsam mit der Universität und einer asiatischen Frauenberatungsstelle in Nottingham und der Frauenzuflucht in Amsterdam arbeiten wir an einem Austausch von betroffenen Frauen und Mädchen über Internet, um ihre Geschichten zu erzählen und sich gegenseitig zu ermutigen. Die ersten Ergebnisse für die Fachöffentlichkeit sind vermutlich im Spätherbst nachzulesen.

zurück

nach oben