Sexuelle Gewalt /Zufluchtsmöglichkeiten für Mädchen mit Migrationshintergrund
Corinna Ter-Nedden

  

Die Kriseneinrichtung PAPATYA

Seit 1986 existiert in Berlin die Kriseneinrichtung für Mädchen aus der Türkei PAPATYA.

Sie entstand auf Initiative der Senatsverwaltung für Jugend und Familie, nachdem deutlich geworden war, daß der zentrale Berliner Jugendnotdienst (Beratungsstelle mit Aufnahmegruppen) einer wachsenden Gruppe von Mädchen türkischer Herkunft, die sich dorthin wandte, mit seinen Mitteln nicht gerecht werden konnte.

Die gemeinsame Unterbringung mit männlichen Jugendlichen verschärfte die familiären Konflikte der Mädchen, die außerdem nicht davor geschützt werden konnten, daß die Eltern sie abholten und kurzerhand wieder mit nach Hause nahmen.

PAPATYA bietet acht Plätze für 13-21 jährige Mädchen. Die Adresse ist geheim und wird den Eltern nicht mitgeteilt. Nur Mädchen werden aufgenommen, nur Frauen betreuen die Mädchen. Durch die Rund-um-die-Uhr-Betreuung ist es möglich, den Mädchen Sicherheit und Schutz zu garantieren. Anfangs müssen Mädchen abhängig vom Ausmaß ihrer Gefährdung oft ständig in der Wohnung bleiben und können auch die Schule nicht besuchen. Auch später sind Ausgangszeiten auf den Nachmittag beschränkt, spätestens um 19 Uhr müssen alle Mädchen zum Abendessen wieder in der Einrichtung sein. Dies bietet die Möglichkeit, stärker als in anderen Kriseneinrichtungen Einfluß darauf zu nehmen, wie die Mädchen ihren Tag gestalten. Die Aufnahmezeit sollte zwei Monate nicht überschreiten.

Warum eine spezielle Einrichtung?

Gegründet wurde PAPATYA als Kriseneinrichtung für türkische Mädchen, um – wie oben beschrieben – einem auffällig gewordenen besonderem Bedarf an Schutz gerecht zu werden.

Konzeptionelle Absicht war und ist es außerdem, den traditionellen Vorstellungen der Eltern mit einer mädchenspezifischen Einrichtung, in der nur Frauen arbeiten, entgegenzukommen und sie so leichter zur Mitarbeit an der Lösung der Familienkonflikte gewinnen zu können.

Faktisch treffen sich hier also islamische/traditionelle Vorstellungen der Geschlechter-segregation (zum Zwecke des Schutzes der "Reinheit" der Mädchen) mit westlichen Vorstellungen von der Notwendigkeit geschlechtsspezifischer Räume für Mädchen/Frauen (zum Zwecke des Schutzes vor Mißhandlung, Unterdrückung und Fremdbestimmung).

Bei der Gründung wurde zunächst angenommen, man werde eine Einrichtung wie PAPATYA nur einige Jahre brauchen. Mit Fortschreiten der Integration und Angleichung der Lebensbedingungen in der zweiten, spätestens aber dritten Generation der Migrantinnen werde ein spezielles Angebot im Jugendhilfesystem nicht mehr notwendig sein. Rückblickend kann man zum einen feststellen, daß die Vorstellung der Migration als einem einmaligen Ereignis falsch war, daß im Kontext von Familiennachzug, aber auch von Flucht Migration vielmehr ein andauernder Prozeß ist, den immer neue Generationen bewältigen müssen. Auch wenn beispielsweise schon die Großeltern einiger Mädchen, die zu PAPATYA kommen, in Deutschland gelebt haben, so können sie selbst doch mit ihrer Mutter erst vor einigen Jahren eingewandert sein. Zum anderen scheinen insbesondere die Familien, bei denen es zu so heftigen familiären Konflikten kommt, daß die Mädchen die Familie verlassen, in Bezug auf die Verhaltensanforderungen an ihre Töchter an traditionellen Vorstellungen von Ehre und Gehorsamkeit festzuhalten. In vielen dieser Familien ist es zwar einerseits zu einer Aufweichung von konsistenten Normen und Werten gekommen: Väter spielen und trinken oder haben Freundinnen, Mütter sind resignativ in innere Emigration gegangen. Andererseits scheint es, daß gerade unter diesen Umständen das Wohlverhalten der Töchter demonstrieren soll, daß die Eltern noch Kontrolle über ihr Leben und Verbindung zu ihrer Herkunft besitzen. Töchterlicher Gehorsam scheint die Kompensation erfahrener Demütigungen leisten zu sollen. Ein überproportionaler Anteil der Mädchen kommt (und kam schon in den ersten Jahren) aus Scheidungs-/Trennungsfamilien und ist häufig schon in der Kindheit mit traumatischen Beziehungsabbrüchen konfrontiert worden. Die Arbeitslosigkeit unter den Eltern ist hoch, die psychosozialen Belastungen sind groß.

Seit einigen Jahren sind nur noch gut die Hälfte der aufgenommenen ca. 80 Mädchen pro Jahr türkischer bzw. kurdischer Herkunft. Auch diese Hälfte ist sehr heterogen in Bezug auf Aufenthaltsstatus, Staatsangehörigkeit, Religionszugehörigkeit oder das Vorhandensein einer eigenen Migrationserfahrung. Einige haben die deutsche Staatsangehörigkeit, andere sind Flüchtlinge. Angehörige der christlichen Minderheiten aus der Türkei laufen aus den gleichen Gründen weg wie Mädchen islamischen Glaubens. Schon im ersten Jahr wurden auch Mädchen chinesischer oder griechischer Herkunft aufgenommen, heute kommen knapp die Hälfte aus anderen Ländern als der Türkei (insbesondere Exjugoslawien und dem Libanon) oder stammen aus binationalen Familien.

Weder die Nationalität noch die islamische Religion sind also die Klammer, die Mädchen, die zu PAPATYA kommen, verbindet. Die Gemeinsamkeit der aufgenommenen Mädchen stellt sich vielmehr über die Aufnahmepraxis her. Da die Adresse und die Telefonnummer geheim sind, muß der Kontakt über den Jugendnotdienst hergestellt werden. Hilfesuchende Professionelle oder auch Mädchen selbst können dann von Mitarbeiterinnen PAPATYAs angerufen und beraten werden. Fast immer ist es möglich, vor einer Aufnahme persönlich mit einem Mädchen telefonieren. Ziel ist es dabei, abzuklären, ob ein Mädchen sich durch die Familie so gefährdet fühlt, daß es den Schutz einer geheimen Adresse braucht.

In der Regel werden nur die, die Schutz brauchen, bereit sein, die eng mit der Geheimhaltung verbundenen Einschränkungen ( kein Besuch, auf den Nachmittag begrenzte Ausgangszeiten, teilweise Kontrolle von Außenkontakten) auf sich zu nehmen und zu akzeptieren.

Neben der Gefährdung spielen auch Ausschlußkriterien eine wichtige Rolle. PAPATYA nimmt keine Mädchen auf, die Drogen nehmen, die Prostitutionserfahrungen haben oder die schon längere Zeit auf Trebe sind. Diese Ausschlußkriterien gewährleisten, daß Mädchen, die auf den engen Rahmen ihrer Familie beschränkt gewesen sind, nicht mit für sie erschreckenden Formen der Verwahrlosung konfrontiert werden und daß die Gefahr, daß sie von anderen Jugendlichen in die Überlebensstrategien der Straße eingeführt werden, gering bleibt.

Auch wenn der Wert, den Mädchen und auch Eltern Bildung beimessen, steigt, so ist die Ablösung von der Familie bei den Familien, deren Töchter zu PAPATYA kommen, meist nur in Form der Heirat vorgesehen. Die Erziehung ist nicht darauf ausgerichtet, daß die Mädchen selbständig werden und Entscheidungen über ihr Leben treffen.

Fast immer haben in ihrer Sozialisation geschlechtsspezifische Normen eine große Rolle gespielt. Im Zentrum steht dabei die Reglementierung weiblicher Sexualität. Nicht zufällig kommen die Mädchen in der Pubertät zu PAPATYA, wenn die familiären Gebote und Verbote ihren Handlungsspielraum immer mehr eingeschränkt haben.

Diese Verbote und Gebote betreffen insbesondere  

    die Bedeutung, die der Jungfräulichkeit beigemessen wird
 
    den Einfluß, den die Eltern auf die Partnerwahl nehmen bis hin zur zwangsweisen Verheiratung
 
   

die Unmöglichkeit als junge Mädchen/Frauen unverheiratet getrennt von der Familie zu leben.
 

Bei Übertretung der Verbote droht Verstoßenwerden, also der Ausschluß aus der Familie, droht Zwangsrückkehr in die Heimat der Eltern, droht Gewaltanwendung bis hin zu Mord.

Ein interkulturelles Team als Arbeitsgrundlage

Bei PAPATYA arbeiten Frauen unterschiedlicher Herkunft (Türkisch, Kurdisch, Deutsch) die in unterschiedlichem Ausmaß eigene Migrationserfahrungen haben, unterschiedliche Berufsausbildungen haben, unterschiedlichen Alters sind, Mütter und Nicht-Mütter sind. Die Mädchen begegnen Ansprechpartnerinnen, die ihnen unterschiedliche Identifikationsangebote machen, Mädchen türkischer und kurdischer Herkunft treffen auf einige Mitarbeiterinnen, die ihre Muttersprache sprechen. Gleichzeitig verweist die Kooperation der Mitarbeiterinnen im Team auch auf die Möglichkeit, aus verschiedenen Richtungen kommend ein konsistentes gemeinsames Wertesystem zu entwickeln und zu vertreten. Wir hoffen, den Mädchen damit modellhaft Formen der Auseinandersetzung und der Integration vor Augen zu stellen, die es ihnen erleichtern, einen Lebensentwurf zu entwickeln, bei dem sie keine Seite ihrer Persönlichkeit verleugnen müssen.

Das Team sieht Kulturen als dynamisch und in der Entwicklung befindlich an. Auch der deutsche/westeuropäische Stand scheint in Bezug auf die Situation von Frauen /Menschen alles andere als der Weisheit letzter Schluß – sei es beispielsweise, daß die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nur als individueller, mühsamer Spagat möglich ist, oder, daß normierte Körperbilder immer breitere Kreise in Eßstörungen oder auf den Tisch der Schönheitschirurgen treiben.

Die Betrachtung des Einzelfalls vor dem Hintergrund kultureller Erfahrungen:
ein individueller Ansatz ist nötig - gerade um kultureller Verschiedenheit gerecht zu werden

So wie das Licht abhängig vom Standpunkt des Betrachters als Teilchen oder als Welle gesehen werden kann, so kann man das Statische oder das Dynamische an Kultur in den Blick nehmen, je nachdem auf welchen Aspekt man sich konzentriert. Die Art des Umgehens miteinander in der Familie, die Auffassung von der Rolle der Frau, von der Erziehung der Kinder oder von der Grenzziehung zwischen öffentlichem und privatem Bereich sind kulturell geprägt, aber in ständiger Veränderung begriffen. Das Hintergrundwissen der Mitarbeiterinnen über türkische/islamische Kultur ist wichtig und kann helfen, die richtigen Fragen zu stellen. Letztenendes dient es vielleicht aber auch der Relativierung der Unterschiedlichkeiten: indem man erkennt, wie multikulturell die Türkei ist, wie ähnlich die Probleme türkischer/islamischer Mädchen denen griechischer/christlicher sein können, wie unverortet die Teile der Migrantengemeinschaft in Deutschland, aber auch in der Türkei sind. Kolleginnen aus dem Frauenhaus Ankara berichten von einem Land/Stadtkonflikt, dem sie bei den Frauen, die sie aufnehmen, begegnen, einem Kulturkonflikt, der die Frauen aus den Familien, die in die Stadt migriert sind, treibt. Weiß man mehr über diese Aspekte, so dreht sich das Vexierbild, das eben noch den kulturellen Unterschied zeigte und zeigt vor allem Familien- und Beziehungsprobleme ... In dem Verbot, das der 17-jährigen schlimmste Sanktionen androht, sollte sie mit einem Jungen auf der Straße gesehen werden, kann sich die Gebundenheit der Eltern an Kultur und Tradition ihres Heimatortes zeigen, die gegenwärtige Angst, bei den Nachbarn ins Gerede zu kommen, aber auch der eifersüchtige Besitzanspruch des Vaters oder der konkurrente Neid der Mutter. Im konkreten Konflikt kann sich dies alles in einer kaum entwirrbaren Mischung überlagern.

Zwischen dem Überbetonen oder Verwischen von Unterschiedlichkeit und Gleichheit gilt es dementsprechend, eine Gratwanderung zu riskieren, die versucht, den einzelnen Mädchen gerecht zu werden.

Generelles Ziel dieser Gratwanderung ist es, die Fähigkeit der Mädchen, ihre Wünsche und Ziele zunächst für sich und dann auch für andere zu formulieren, zu stärken.

Fluchtgründe

Rund 80 Prozent der Mädchen sind körperlich mißhandelt worden, fast alle klagen über Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit und Verbote, Freundschaften (auch zu Mädchen) pflegen zu dürfen. Viele sind in erheblichem Ausmaß für den Haushalt oder kleinere Geschwister verantwortlich. Fast alle fühlen sich nicht verstanden und ungeliebt, überflüssig und den Eltern lästig bis verhaßt.

In der Pubertät spitzen sich häufig schon vorher in der Familie vorhandene Spannungen zu Krisen zu. Die Mädchen greifen auf die üblichen weiblichen Bewältigungsstrategien zurück: sie somatisieren, sie verletzen sich selbst, etwa ein Fünftel hat Suizidversuche hinter sich. Viele sind bevor sie zu PAPATYA kommen, schon einmal von zu Hause weggelaufen, allerdings meist nur für Stunden zu Freundinnen oder Verwandten. Mit solchen Signalen haben sie aber keine Resonanz in der Familie finden können.

Sexuelle Gewalt

Da nur Mädchen aufgenommen werden können, die älter als 13 Jahre sind, die nicht länger auf Trebe gelebt haben und die zudem von sich aus ein starkes Signal gesetzt haben, indem sie aus der Familie geflohen sind, wird bei PAPATYA nur ein Ausschnitt der Problematik sexueller Gewalt bei nicht-deutschen Mädchen sichtbar.

Etwa ein Viertel der aufgenommenen Mädchen berichtet von Erfahrungen sexueller Gewalt.

Wertet man die Erfahrungen der letzten 15 Jahre aus, so zeigt sich durchschnittlich:

Die meisten Mädchen (22 %) haben sexuelle Gewalt im engeren Familienumfeld erlebt, dabei war bei 37 % der Vater, bei 21 % der Bruder der Mißbraucher. Weitere Mädchen wurden vom Onkel, Cousin, Großvater, Schwager oder Stiefvater mißbraucht.

Bei 6 % der Mädchen ist es zu sexuellen Übergriffen von Nachbarn, Lehrern oder Bekannten gekommen.

Die meisten Mädchen haben über den sexuellen Mißbrauch vorher noch nie gesprochen. Wenn sie sich aber jemandem anvertraut haben, so stehen Lehrerinnen und Schulsozialarbeiterinnen, die oft die einzigen sind, die die Mädchen außerhalb der Familie alltäglich sehen dürfen und die im täglichen Umgang ihr Vertrauen gewonnen haben, an erster Stelle.

Auch drohende sexuelle Gewalt zählt zu den Fluchtgründen. Außer den gerade Erwähnten, die direkt von sexueller Gewalt betroffen sind, fliehen etwa 30 % der Mädchen vor einer von den Eltern angedrohten Zwangsheirat mit einem Ehemann, den sie kaum kennen. Einige kommen erst, wenn sie schon verheiratet worden sind. Sie berichten von ihren Versuchen, sich gegen sexuelle Übergriffe ihrer Ehemänner zu wehren und von erlittenen Vergewaltigungen. Es kommt sowohl vor, daß in Deutschland aufgewachsenen Mädchen Ehemänner aus den Herkunftsländern der Eltern aufgezwungen werden, als auch, daß Mädchen aus diesen Ländern ungefragt mit in Deutschland lebenden Männern (zu denen i.d.R. Verwandtschafts- oder Bekanntschaftsverhältnisse bestehen) verheiratet werden.

Ihre Familien erhoffen sich, daß ihre Töchter in Deutschland ein besseres Leben haben werden und die Familie materiell unterstützen können. Mit eheabhängigem Aufenthaltsstatus, ohne Sprachkenntnisse, oft ohne Zugang zu Bildungsmöglichkeiten und meist weitgehend abgeschnitten von Außenkontakten sind diese Mädchen ihren Ehemännern und Schwiegerfamilien in erheblichem Maße ausgeliefert. Möchten sie sich trennen, haben sie mit erheblichen Konsequenzen zu rechnen und können in der Regel nicht darauf bauen, bei ihrer Ursprungsfamilie Verständnis und Aufnahme zu finden.

Bei Beginn der Arbeit PAPATYAs Mitte der 80er Jahre waren die Mitarbeiterinnen überrascht von dem Ausmaß, indem sie mit sexueller Gewalt konfrontiert waren. Die Auseinandersetzung mit diesem Tabuthema steckte in den Anfängen und es bestand noch die naive Vermutung, sexuelle Gewalt sei dort, wo strenge Normen den Umgang zwischen den Geschlechtern bestimmen, seltener. Da dies augenscheinlich nicht so war, mußten sich die Mitarbeiterinnen mit der Frage beschäftigen, welche Formen sexuelle Gewalt in einer Gesellschaft annimmt, in der Keuschheit und Jungfräulichkeit sowie eine klare Zuschreibung von unterschiedlichen Geschlechtsrollen einen hohen Stellenwert haben.

Generell ist festzustellen, daß eine Sexualmoral, die den vorehelichen Geschlechtsverkehr streng verbietet, also die Sexualität von Mädchen stark kontrolliert, das Risiko, daß Mädchen sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind, nicht senkt.

Dies gilt vermutlich unabhängig davon, in welchem religiösen oder kulturellen Kontext diese Moral steht, soll im folgenden aber kurz anhand traditioneller Vorstellungen von Familienehre, wie sie bei einem großen Teil der Herkunftsfamilien der Mädchen bei PAPATYA eine Rolle spielen, erläutert werden. Traditionelle Vorstellungen zu kennen, ist auch angesichts von 40 Jahren Einwanderung immer noch bedeutsam – auch Veränderungen lassen sich am besten aus ihren Anfängen heraus verstehen. Dabei besteht allerdings die Gefahr, der Vielfalt bestehender Lebensentwürfe nicht gerecht werden und den individuellen Biographien kulturelle Klischees als Schablonen überzustülpen. Mehr oder weniger starke Spuren der traditionellen Vorstellungen bzw. der Auseinandersetzung mit ihnen lassen sich auf der anderen Seite aber bei fast allen zu PAPATYA kommenden Mädchen finden.

Die Auswirkung traditioneller Konzepte von Familienehre auf sexuelle Gewalt

In traditionellen Gesellschaften wie der dörflichen der Türkei zur Zeit des Beginns der Migration spielt die Familie die zentrale Rolle im Leben ihrer Mitglieder. Anstelle zentraler staatlicher Gewalten bestimmt der Umgang der Familien miteinander das Zusammenleben im weiteren sozialen Kontext des Dorfes.

Die Familienehre wird von den männlichen Familienmitgliedern geschützt. Sie sind für das Verhalten aller Familienangehörigen gegenüber der Öffentlichkeit verantwortlich. Diese Verantwortlichkeit und Vertretung nach außen geht einher mit einem weitreichenden Verfügungsanspruch nach innen. Insbesondere der Kontakt der Frauen und Mädchen der Familien mit außenstehenden Männern wird von ihnen kontrolliert und eingeschränkt, sind doch die Jungfräulichkeit der unverheirateten Mädchen und die eheliche Treue der verheirateten Frauen unmittelbarer Ausdruck der Familienehre. Der Bewegungsspielraum der weiblichen Familienmitglieder wird auch deshalb in erheblichem Maße begrenzt, weil Kriterium für die Bewertung der Ehre nicht das tatsächliche, sondern das in einer Situation mögliche Verhalten ist. So werden Mädchen nicht nur Freundschaften mit Jungen spätestens ab der Pubertät verboten, sondern die Eltern versuchen mit ihren Verboten, Situationen, in denen potentielle Verstöße gegen die Normen der Ehre möglich wären, auszuschließen.

Wenn nun ausgerechnet diejenigen, die nach außen als Beschützer und Bewacher des ehrenhaften Betragens der Mädchen auftreten, Mädchen mißbrauchen, bietet die Familienehre den Mädchen keinen Schutz. Sie finden sich vielmehr in einer Falle wieder: ausgerechnet den Männern der Familie, die aus den Ehrbegriffen das Recht ableiten, ihren Ausgang und Umgang zu kontrollieren, werden sie sich kaum entziehen können – so etwa, wenn ihnen verboten wird, die Wohnung zu verlassen oder Freundinnen zu haben. In der Familienhierarchie sind sie den Älteren (so etwa auch den älteren Brüdern) Respekt schuldig, Verweigerung oder Neinsagen gegenüber deren Forderungen werden entsprechend sanktioniert. Versuchen die Mädchen, sich Verboten zu widersetzen und sich Freiräume zu verschaffen, dann setzen sie sich dem Vorwurf aus, sich herumzutreiben und ein unehrenhaftes Straßenmädchen, eine Hure zu sein. Gelten sie erst als "schlechtes Mädchen", so haben sie kaum noch Chancen, Glauben zu finden, wenn sie versuchen, in ihrer Familie mit jemandem über den sexuellen Mißbrauch zu sprechen.

Die Zuspitzung dieses Dilemmas zeigt sich z.B., wenn Mädchen, die bei PAPATYA ihren sexuellen Mißbrauch offenbaren, von der Familie unterstellt wird, sie hätten einen Freund, hätten sich von ihm entjungfern lassen und versuchten, dies nun durch die Beschuldigung Angehöriger zu vertuschen.

Manchmal achten die mißbrauchenden Männer die Bedeutung der Jungfräulichkeit insofern, als sie anale und orale Praktiken anwenden. Immerhin 35 % der von sexueller Gewalt betroffenen Mädchen bei PAPATYA sind aber auch vaginal vergewaltigt worden.

Je weniger Kenntnisse über ihren Körper, über Sexualität, Verhütung und Schwangerschaft die Mädchen haben, umso verwirrender und belastender wird die Erfahrung sexueller Gewalt für sie sein. Insbesondere die Frage, ob sie entjungfert worden sind – was sowohl in der Phantasie als auch ganz real ihre künftigen Heiratschancen schmälert und sie sozial degradiert, ist quälend für sie. Viele haben Angst vor einem Eklat in der Brautnacht, Angst vor der an die Öffentlichkeit dringenden Entdeckung, daß sie bei der Hochzeit keine Jungfrau mehr gewesen sind. Spätestens dann wird sie der Vorwurf, eine Hure zu sein, treffen. Oft ist es diese Aussicht, die die Mädchen den verzweifelten Mut zum Schritt aus der Familie finden läßt.

Da die Familienehre auf dem intensiven solidarischen Zusammenhalt aller Mitglieder der Familie gegenüber Dritten fußt, wird sie durch die Ausbruchsversuche einer einzelnen, die Dinge, die der Privatsphäre der Familie angehören, öffentlich sichtbar macht, verletzt. Die Schwelle, die Familie zu verlassen, liegt für mißbrauchte Mädchen in der Regel hoch. Die meisten haben lange vergeblich versucht, ihre Not anderen Familienmitgliedern zu signalisieren.

Umgang mit der sexuellen Gewalt bei PAPATYA

In der begrenzten Übergangszeit der Kriseneinrichtung ist eine therapeutische Bearbeitung der erlebten sexuellen Gewalt kaum möglich. Im Vordergrund steht, den Mädchen das Aufdecken zu erleichtern. Alle Mädchen, die zu PAPATYA kommen, haben anfangs erhebliche Angst vor der Reaktion ihrer Familien – bis hin zu Todesangst. Nicht selten ist ihnen mit Ermordung gedroht worden, sollten sie sich Anordnungen widersetzen oder weglaufen. Auch und besonders die Mädchen, die ihren sexuellen Mißbrauch aufdecken, fühlen sich in hohem Maße gefährdet. Sie sind absolut angewiesen auf einen sicheren Ort, an dem die Familie keine Zugriffsmöglichkeit auf sie hat. Dieser Schutz ist die Grundvoraussetzung dafür, über das Erlebte sprechen zu können.

Die Mädchen müssen erfahren, daß sie nicht die einzig Betroffenen sind und daß sowohl ihre Skepsis ihren eigenen Wahrnehmungen gegenüber als auch die auftauchenden Fragen nach Mitschuld und eigener Verantwortung typische Reaktionsmuster sind. Beunruhigende Symptome von Derealisation oder Depersonalisation können eine erste Einordnung als Folge der erlebten Ausgeliefertheit erfahren, so daß die Angst, vielleicht verrückt zu sein oder werden, relativiert werden kann. Der sichere Schutz und der geregelte Alltag mildern quälende Symptome wie Schlafstörungen und ermöglichen es den Mädchen, zur Ruhe zu kommen und über ihre weitere Perspektive nachzudenken. Die Entwicklung dieser Perspektive steht im Zentrum des Aufenthalts und macht sich vor allem an der Frage fest, ob eine Rückkehr in die Familie möglich und von den Mädchen gewünscht ist. Zu klären ist, ob die sexuelle Gewalt durch Aufdeckung beendet werden kann, ob das Mädchen Unterstützung in der Familie finden kann oder ob eine dauerhafte Trennung notwendig ist.

Bei der Klärung dieser Fragen wird eng mit dem Jugendamt zusammengearbeitet.

Die Mädchen werden ermutigt, sich einer Auseinandersetzung mit der Familie zu stellen – wenn nicht bei Elterngesprächen beim Jugendamt, so doch in Telefonaten oder, wenn ihnen dies auch nicht möglich erscheint, in Briefen. Die Mitarbeiterinnen sehen ihre Aufgabe in erster Linie darin, die Mädchen bei der Formulierung und Vertretung ihrer Vorstellungen ihres weiteren Lebens innerhalb oder außerhalb der Familie zu unterstützen. Elterngespräche beim Jugendamt müssen gut abgesichert werden, da die Eltern häufig vehement die Rückkehr ihrer Tochter fordern und manchmal auch vor psychischem und physischem Zwang nicht zurückschrecken. Vor einem gemeinsamen Gespräch mit den Eltern sollte das Jugendamt einen ersten Eindruck von deren Haltung gewonnen haben. Die Mädchen werden von den PAPATYA-Mitarbeiterinnen begleitet und geschützt. In manchen Fällen erscheinen allerdings auch entweder die Gefährdung oder aber die Angst der Mädchen als so gravierend, daß von Elterngesprächen abgesehen wird.

Da nur etwa 10 Prozent der Eltern einer weiteren Unterbringung ihrer Töchter in der Jugendhilfe zustimmen, muß bei Minderjährigen häufig das Vormundschaftsgericht eingeschaltet werden.

Der Preis für die Flucht aus der Familie und die Distanz zum Täter kann sehr hoch sein. Einem Mädchen, das wegläuft, sind in der Regel die Vorwürfe aller Familienmitglieder sicher, die ihr Ansehen bei Bekannten, Verwandten und Nachbarn herabgesetzt sehen. Häufig möchten die Mädchen Mutter und Geschwister nicht mit dem eigentlichen Grund ihrer Flucht konfrontieren und setzten sich damit Beschuldigungen, leichtfertig und egoistisch zu sein, lediglich "mehr Freiheit" haben zu wollen, aus. Wenn die Mädchen sich dauerhaft vor der Familie verstecken müssen, bricht oft auch der Kontakt zu geliebten Familienmitgliedern ab.

Die wenigsten Mädchen haben außerhalb der Familie einen Freundeskreis aufbauen dürfen. Wenn sie die Familie verlassen, wenden sich manchmal auch die wenigen Schulfreundinnen oder gleichaltrigen Verwandten, mit denen sie engeren Kontakt hatten, von ihnen ab und beschimpfen sie als respektlos und undankbar gegenüber den Eltern. Die von den Mädchen oft idealisierte Freiheit erweist sich immer wieder auch als Vakuum und anstatt frei fühlen sie sich alleingelassen und ungebunden. Die starke Betonung von Individualität, Selbständigkeit und Selbstverantwortung deutscher/westlicher Erziehungsnormen und Lebensweisen fordert ihren nicht geringen Tribut in der immer drohenden Vereinzelung, die mit der Angst einhergeht, zu schwach zu sein und zu versagen. Unter Bedingungen institutionalisierter Erziehung wird dieser Preis doppelt spürbar – übrigens oft auch für die deutschen Jugendlichen.

Wenn die Suche nach Verbindung und Zugehörigkeit scheitert, flüchten die Mädchen nicht selten in Zweierbeziehungen, in denen sie familiale Muster wiederholen oder sie kehren überstürzt in die Herkunftsfamilie zurück.

Patentrezepte für wirksame Hilfe sind schwer zu finden – je nach Einzelfall muß die geeignete Hilfeform gesucht werden. Mittlerweile existieren in Deutschland einige Einrichtungen, die sich auf die Bedürfnisse von durch ihre Familie gefährdeten Mädchen, die bisher einen sehr eingeschränkten Bewegungsspielraum hatten, spezialisiert haben. Nach wie vor fehlen Wohnformen für ältere Jugendliche mit engmaschiger Betreuung bis hin zu Rund-um-die-Uhr-Betreuung, die vor allem in der Anfangszeit nach dem Verlassen der Familie einen stabilen Rahmen bieten. Auch die Beschäftigung von Mitarbeiterinnen nichtdeutscher Herkunft ist alles andere als selbstverständlich und doch eine der notwendigen Voraussetzungen dafür, daß den Mädchen eine positive Identitätsentwicklung gelingen kann.

Schlußbemerkung

Die besondere Bedeutung, die Jungfräulichkeit und Familienehre für viele der zu PAPATYA kommenden Mädchen und ihre Familien haben, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß sexuelle Gewalt mehr kulturübergreifende als kulturspezifische Züge hat. Das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Kindern und Frauen zu mißachten, ist weit verbreitet. Mädchen nichtdeutscher Herkunft werden durch sexuelle Gewalt ebenso erschüttert und verwirrt, leiden ebenfalls unter dem Schweigegebot, unter Einsamkeit und Schuldgefühlen und bemühen sich nach Kräften, nichts zu tun, was Familienmitgliedern schaden könnte. Ihre Versuche, sexuelle Gewalt auszuhalten, mitzuteilen und zu beenden können sich in den gleichen unspezifischen Symptomen äußern wie bei deutschen Mädchen.

Die Besonderheiten, die bei sexueller Gewalt bei Mädchen nichtdeutscher Herkunft zu bedenken sind, sind nicht nur auf Kultur, Religion oder Tradition zurückzuführen. Gravierende Unterschiede ihrer Situation im Vergleich zu der deutscher Mädchen liegen in den allgemeinen sozialen Umständen in denen sie sich als Töchter von Familien nicht-deutscher Herkunft befinden. Ihr relativ hoher Anteil in Zufluchtseinrichtungen läßt auf geringe Unterstützungsmöglichkeiten im privaten Umfeld schließen. Dazu trägt sicher bei, daß häufig Großeltern oder weitere Verwandten im Herkunftsland leben und als mögliche Ansprechpartner nicht zur Verfügung stehen. Wenden sie sich aber an Außenstehende, so "verraten" sie im Gegensatz zu deutschen Mädchen nicht nur den Täter und damit indirekt ihre Familie, sondern müssen befürchten, mit ihrer Familie auch deren Herkunftskultur zu diskreditieren. Sie vertrauen sich einem deutsch dominierten Hilfesystem an und riskieren, auf Klischees und Vorurteile zu stoßen. Sie müssen also eine doppelte Schwelle überwinden, eine doppelte Loyalität verletzen.

Für deutsche Professionelle als Ansprechpartner kann die oben angesprochene Schwelle genauso spürbar werden wie für die Mädchen:

   vielleicht als Hürde, wenn sie zögern, in doppelt fremde Privatsphären einzudringen, die eigenen Wahrnehmungen und Maßstäbe zweifach infrage stellen, die Auseinandersetzung am liebsten scheuen und weghören und wegsehen möchten
 
   vielleicht aber auch als niedrigere Schwelle, weil es leichter ist, das Verwerfliche und Unerträgliche im Fremden, weiter Entfernten zu vermuten, als im sozialen Nahbereich.
 

Auch sie werden ihre Verunsicherung am besten im Kontext interkultureller Teams bearbeiten können.
  

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