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papatya anonyme Kriseneinrichtung für Mädchen und junge Frauen mit Migrantionshintergrund

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PAPATYA : Alltag in der Krise und Krise als Alltag

Eine Zuflucht für Mädchen

  • die von zu Hause weglaufen müssen, weil sie das Leben dort nicht mehr aushalten.
  • die von zu Hause weglaufen können, weil sie den Mut und die Gelegenheit dazu haben.

Morgens um acht Uhr weckt die Betreuerin Sevim, die über Nacht geblieben ist, die Mädchen. Ungefähr eine halbe Stunde später sitzen alle am Frühstückstisch, reden über Träume und schlaflose Nächte und überlegen, was heute passieren muss.

Für Sladjana war es die erste Nacht bei Papatya und sie zuckt noch bei jedem Türklingeln zusammen.

„Wenn du abhaust, ist die Stadt zu klein für dich und uns” hat sie oft von Vater und Bruder zu hören bekommen. Sie ist froh, dass sie nicht allein schlafen musste. Die große Wohnung hat Platz für acht Mädchen in einem Einzelzimmer, zwei 2-Bett-Zimmern und einem 3-Bett-Zimmer. Rund um die Uhr ist eine der türkischen, kurdischen und deutschen Betreuerinnen da. Mit ihrer Bettnachbarin Tülay hat sie die halbe Nacht geredet.

Sladjana ist gestern  von ihrer Lehrerin zum Jugendnotdienst begleitet worden. Von dort aus hat sie mit  einer Mitarbeiterin von Papatya telefoniert. Beide haben überlegt,  ob sich Sladjana nur an einem Ort mit einer geheimen Adresse sicher fühlen kann. Sladjana hat Angst, was passiert, wenn ihr Bruder oder ihr Vater sie finden. Sie ist bereit, die mit der Geheimhaltung verbundenen Regeln zu akzeptieren: Sie kann keinen Besuch bekommen, muss ihr Handy abgeben, kann nur nach Absprache rausgehen und muss spätestens zum gemeinsamen Abendessen zurück sein. Sie kann ihre Freundinnen vom Mädchentelefon aus anrufen, ist selbst aber nicht direkt erreichbar.

Bei Papatya hat die Betreuerin ein Aufnahmegespräch mit ihr geführt, so dass sie einen ersten Eindruck von Sladjanas Situation hat. Ihre Eltern sind danach schon gestern abend von der Betreuerin kurz informiert worden, dass Sladjana nicht überfahren oder entführt worden ist und dass sie sich heute im Laufe des Vormittags an das zuständige Jugendamt wenden können. Gleich nach dem Frühstück wird die Betreuerin dort anrufen und einen ersten Termin für nächste Woche ausmachen, damit Sladjana und die Sozialarbeiterin vom Jugendamt sich kennenlernen können. Bei diesem Termin wird Sladjana von einer Mitarbeiterin von Papatya begleitet.

Sladjanas Schule bekommt Bescheid, dass sie erstmal nicht mehr kommen kann.
Weder Schule, noch Jugendamt, noch Eltern erfahren Sladjanas genauen Aufenthaltsort. Sladjana wird Zeit haben, nachzudenken. Darüber, was war, aber vor allem auch darüber, wie ihr Leben weitergehen soll.

Tülay hat heute morgen keinen Appetit. Sie ist nervös: Mittags muss sie zum Jugendamt, wo sie auf ihre Eltern treffen wird. Sie hat sie seit über drei Wochen nicht gesehen. Am Telefon hat ihr Vater geweint und beteuert, dass er sich ändern wird, dass bisher niemand weiß, dass sie weg ist, dass er ihr ihre Flucht verzeihen wird und dass sie neu anfangen werden, so als sei nie etwas geschehen. Tülay möchte ihre Eltern nicht verletzen, aber sie glaubt nicht, dass sie sich verändern werden. Ihre Betreuerinnen Sevim und Karin werden sie zum  Gespräch begleiten. Sie weiß, dass sie sich sicher sein kann, dass sie nach dem Gespräch wieder zu PAPATYA zurückkommen wird. Aber sie hat Angst, dass es ihr die Sprache verschlägt, wenn sie ihren Eltern sagen soll, warum sie gehen mußte. Sevim muss ihr immer wieder Mut machen.

Nach dem Frühstück räumen zwei Mädchen den Tisch ab und die Spülmaschine ein. Jede muss im Haushalt Aufgaben übernehmen, wöchentlich wird dieser Dienstplan neu geschrieben.

Um neun Uhr kommt die Hauswirtschafterin, die sich um die Einkäufe und das Kochen kümmert. Die Mädchen, die Mittagsdienst haben, helfen ihr dabei. Aber auch alle anderen, die heute Vormittag keine Termine haben, bleiben gern in der Küche sitzen - auch, weil man rund um den großen Tisch dort so gut reden, Karten spielen und Musik hören kann. Sladjana lernt die anderen Mädchen ein bisschen besser kennen. Sie hätte nie gedacht, dass es andere gibt, die zu Hause Ähnliches wie sie erlebt  haben.

Die Betreuerinnen Karin und Sabine kommen um zehn. Kurz danach muss Tülay mit Sevim und Karin los zum Elterngespräch. Sabine kümmert sich um einen Arzttermin für Sladjana, die ihr Asthmaspray zu Hause vergessen hat und verschwindet im Büro, um zu telefonieren und am Computer zu arbeiten. Das Telefon im Büro klingelt ständig.

Gegen halb eins gibt es Mittagessen, mitten rein platzen Tülay und Karin. Sevim ist nach ihrem Nachtdienst und Tülays Elterngespräch nach Hause gegangen. Alle wollen wissen, wie es Tülay geht.

Tülay ist erleichtert, dass sie es hinter sich hat und stolz, weil sie es geschafft hat, ihrem Vater ins Gesicht zu sagen, was sie zu Hause nicht ausgehalten hat. Ihr Vater hat angeboten, dass sie bei ihrem Onkel wohnen kann oder dass er zu Hause ausziehen wird, damit sie zurückkommt. Jetzt haben alle Bedenkzeit bekommen. In einer Woche soll Tülay dem Jugendamt sagen, ob sie sich eine solche Lösung vorstellen kann. Falls nicht, wird das Jugendamt ihre Eltern bitten, dass sie unterschreiben, dass Tülay getrennt von ihnen leben kann. Tülay glaubt nicht, dass ihre Eltern das akzeptieren. Karin erklärt ihr noch einmal, dass sie dann einen Antrag beim Vormundschaftsgericht stellen kann, damit ihren Eltern das Recht, über sie zu bestimmen, entzogen wird. Tülay hofft, dass ihr Vater lieber unterschreibt, als einen Gerichtstermin zu riskieren.

Nach dem Mittagessen haben es viele Mädchen eilig. Nachmittags können sie rausgehen und sich mit Freundinnen und Freunden treffen. Vorher gibt es noch Gedrängel in den Bädern und vor dem großen Spiegel. Sladjana soll heute noch hier bleiben. Die Betreuerinnen möchten erst abwarten, wie ihre Eltern beim Jugendamt aufgetreten sind. Sladjana hat selbst auch viel zu viel Angst, um rausgehen zu wollen. Aber sie wird ihre beste Freundin anrufen und nachfragen, ob die Eltern sie in der Schule gesucht haben.
Außerdem soll sie möglichst schnell ihren Lebenslauf schreiben, Sabine erklärt ihr, was da alles drinstehen sollte. Sladjana nutzt die Gelegenheit und fragt, ob sie auch ein Elterngespräch haben muss. Sabine meint, dass sich das jetzt noch schwer einschätzen lässt, dass Sladjana aber immer an der Planung der nächsten Schritte beteiligt sein wird. Sladjana erzählt ihr ein bisschen mehr davon, wie es für sie zu Hause war.

Ab 17 Uhr können die Mädchen fernsehen, aber heute findet es Sladjana viel spannender, mit  Nazmiye, die heute auch zu Hause geblieben ist, über deren  Kummer mit ihrem Freund zu sprechen. Die Zeit vergeht schnell dabei und plötzlich ist es 19 Uhr und die anderen kommen alle zurück. Ausgerechnet das Mädchen, das Abendessendienst hat und den Tisch decken muss, kommt heute eine Viertelstunde zu spät und muss sich Vorwürfe von Sabine anhören. Eben ist auch Helga gekommen, die heute den Nachtdienst hat.

Nach dem Abendessen bleibt ein Teil der Mädchen zum Kartenspielen und Reden mit Helga in der Küche, andere sehen fern oder telefonieren mit Freunden und Freundinnen. Um 22.30 Uhr schickt Helga alle in ihre Betten. Sladjana fühlt sich nicht mehr so fremd in ihrem Zimmer. Sie flüstert noch lange mit Tülay.

 

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