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Die Freiheit ist auch eine Katastrophe In Deutschland werden junge Frauen in eine Zwangsheirat gepresst - Viele fliehen und leiden zugleich am Bruch mit der Familie Von Katja Bauer
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Duygu lächelt nicht oft, aber wenn sie es tut, dann ist es, als hätte sich ein Schleier gelüftet. Plötzlich ist sie verschwunden, diese Mattigkeit in ihren Augen, dieser entkräftete Blick der Erwachsenen, der von Enttäuschungen herrührt. Wenn sie lächelt, dann hat sie ein Jungmädchengesicht, und man kann sich vorstellen, wie Duygu mit Freundinnen in einem Cafe sitzt und Blödsinn macht. Dass sie frisch verliebt ist. Einen großen Traum hat. Nur, wenn man Duygu fragt, was sie sich für ihr Leben erträumt, dann sagt sie ganz leise: "Nichts mehr." Es klingt nicht so, als wäre sie eben erst 21 Jahre alt geworden, als hätte sie gerade ihre erste eigene Wohnung bezogen, als stecke sie mitten in der Ausbildung. Es klingt, als läge ein langer Weg hinter ihr. Dieser Weg begann vergangenen Winter, morgens um sechs auf einem kalten, großen Stein. Wie verlässt man Freunde, Verwandte, Geschwister? Wie verlässt man seine Arbeit, seine Wohnung, sein Zuhause? Wie schreibt man dem Vater, dass man ihn nie mehr wieder sehen wird? Duygu saß auf dem großen Stein und schrieb: Sie müsse gehen. Weil es dem Vater nie um sie, sondern immer nur um sein Ansehen gegangen sei. Und er solle wenigstens ihrer kleinen Schwester erlauben, ihr eigenes Glück zu suchen. Das war alles. Sie hatte nicht viel Zeit, denn da hatte ihre Flucht schon begonnen. Duygu ist eine der ungezählten Frauen, die in Deutschland vor einer Zwangsehe fliehen. Niemand kann sagen, wie viele Mädchen und Frauen davon bedroht sind, gegen ihren Wunsch verheiratet zu werden oder sich in dieses Schicksal fügen müssen. Allein in Berlin sind nach einer Erhebung bei 50 Hilfseinrichtungen binnen eines Jahres mehr als 200 solcher Fälle bekannt geworden - mit wie viel man diese Zahl multiplizieren muss, um die Dimension der Dunkelziffer zu erfahren, ist nicht abschätzbar. Für viele Frauen gibt es keinen Ausweg, nie wird ihre Geschichte öffentlich oder findet Eingang in irgendeine Statistik. Zu sehr sind sie gefangen in der Parallelwelt ihrer Kultur, zu klein sind ihre Chancen, sich aufzulehnen, zu hoch ist der Preis der Einsamkeit und der Angst, den sie für eine Flucht bezahlen müssen. Duygu dachte genau das auch, als ihre ganz persönliche Katastrophe im vergangenen Sommer begann. "Meine Stiefmutter eröffnete mir, dass mein Vater mich mit meinem Cousin verheiraten werde." Ihr Nein hörte niemand, am nächsten Tag musste sie mit ihrer Verwandtschaft den zur Verlobung üblichen Goldschmuck kaufen. Duygu sagte noch einmal Nein - "Mein Vater weinte, und er schlug mich. Er nahm mir sofort meinen Pass ab. Er machte mir klar, dass meine Weigerung für ihn eine nicht zu ertragende Schande bedeuten würde." Duygu lebt seit einem Jahrzehnt in Deutschland, die andere Hälfte ihres Lebens hat sie in der Türkei verbracht. Ihr Vater, der sich von ihrer Mutter scheiden ließ, nahm sie mit nach Deutschland. Äußerlich ist sie hier angekommen, sie spricht perfekt deutsch, hat einen Schulabschluss, eine begonnene Ausbildung. Sie kleidet sich westlich, trägt kein Kopftuch, ihre Familie ist nicht besonders religiös. Aber wie sehr Duygu im kulturellen Kokon eingesponnen war, merkte sie erst jetzt. Der Weg, der sich für sie abzeichnete, war der seit Jahrhunderten vorgesehene: Eine Tochter wird verheiratet, sie gehört nicht mehr zur eigenen Familie, sondern zu der des Schwiegersohns. Eine Ablösung von der Familie, ein Erwachsenwerden im westlichen Sinne ist nicht vorgesehen. Um sie herum gab es keine Antwort auf die Frage, was man tun kann, wenn man sich dem Diktum des Vaters nicht fügen will, keine Vorbilder. "Meine Schwester hat den Mann geheiratet, den er für sie ausgesucht hat. Sie lebt todunglücklich." Auch Freundinnen hatten dieses Schicksal. Aber in Duygu arbeitete es weiter - sie wollte dieses Leben nicht für sich. Nur wie ihm entrinnen? "Ich wusste nicht einmal, was ein Frauenhaus ist, ich hatte keinen Zugriff auf mein eigenes Konto, ich habe noch nie im Leben eine U-Bahn gesehen, ich bin noch nie alleine unterwegs gewesen. "Eine Arbeitskollegin wies sie schließlich auf Frauenhäuser hin - und nach einem Beratungsgespräch begann die 20-jährige, ihre Flucht vorzubereiten. "Es war klar, dass ich in eine andere Stadt gehen muss. Mein Vater hat mir gesagt, er werde mich überall suchen. Und er werde mich finden." Heimlich packte sie über Wochen einen Koffer im Büro, Freunde gaben ihr Geld. Am Tag der Flucht wählte sie am Bahnhof ihrer Heimatstadt den ersten Zug der kam - er ging nach Berlin. Da stand sie dann einsam und orientierungslos am Bahnhof Zoo, und fragte sich durch. Duygu fand einen Platz bei Papatya, einer Kriseneinrichtung speziell für Mädchen, die von Zwangsheirat, und körperlicher oder kultureller Gewalt bedroht sind. 60 bis 80 Mädchen im Jahr werden hier aufgenommen und betreut - die Adresse der geschützten Wohnung ist geheim. Die Einrichtung entstand vor fast 20 Jahren, weil an der Spree immer mehr Mädchen mit den gleichen Problemen auftauchten, für deren Lösung konventionelle Einrichtungen nicht gerüstet waren: Es kamen Mädchen, die vor ihren Verwandten flüchten mussten - weil diese sie bedrohten, sie einsperrten um ihre Jungfräulichkeit zu sichern, ihnen ein Singleleben, einen Freund, einen eigenen Beruf verwehrten. Der Weg zu Papatya ist für die Mädchen weit - es geht um das Wagnis, von einer Welt in die andere zu wechseln. Deshalb ist Duygus Geschichte eigentlich die eines Erfolges, einer gewaltigen Befreiung. "Aber es ist immer auch eine ganz persönliche Katastrophe", sagt die Sozialarbeiterin Corinna ter Nedden. Der Bruch mit der eigenen Geschichte, mit der Tradition ist für die jungen Frauen gewaltig. "Sie haben alle lange gezaudert und überlegt, sie haben erheblichen Druck gespürt.", Nach Jahren der Einbettung in die Familie sind sie plötzlich auf sich gestellt - ohne sich dieses eigentlich gewünscht zu haben. Mit moralischen Urteilen kommt man deshalb in der Arbeit mit den Mädchen nicht weiter - auch wenn man Zwangsheirat ablehnt. "Viele Mädchen wollen zurück, eigentlich fast alle wünschen sich einen Kontakt mit der Familie." Es geht darum, die beiden Welten miteinander zu versöhnen, und einen Weg zu finden, der gangbar ist - nicht um die Verwirklichung einer Idealvorstellung. Papatya versucht stets, zwischen Familie und Mädchen zu vermitteln - wenigstens um das Gefahrenpotenzial auszuloten. Manche Eltern brechen beim ersten Anruf in Tränen aus und erklären, sie hätten nie geglaubt, dass das Mädchen wirklich so große Probleme mit dem Bräutigam hat. "Viele Mädchen gehen auch wieder zurück, weil ihnen versichert wird, sie müssten nicht heiraten", sagt ter Nedden. Einige davon durchleben den kompletten Prozess erneut, in anderen Familien einigt man sich. Andere, wie Duygus Vater, bleiben hart. Seine Reaktion: "Du bist tot. Ich werde dich finden." Duygu erzählt das ganz leise. Es ist, als schwinge nicht nur Erschöpfung in ihrer Stimme mit, sondern auch so etwas wie das Gefühl einer Schuld am Bruch. Auch eine Tochter, die nicht glaubt, dass Ungehorsam Schande über den Vater bringt, muss doch mit seiner Empfindung der Schande leben. Ihren Vater, sagt Duygu, werde sie wohl niemals wieder sehen. Das Lächeln muss sie sich ganz langsam zurückerobern. Wochenendbeilage der Stuttgarter Zeitung vom 10.07.2004
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