Der Griff in die Mottenkiste
Patriarchale Traditionen sind in der Fremde zu Hause

Von Birim Bayam
  

Es ist etwas heikel, zum Thema Zwangsheirat öffentlich Stellung zu beziehen. Zwangsverheiratung gilt als "spezielles Migrantenproblem" und birgt damit die Gefahr, leicht zu Stereotypisierung und Diffamierung der Migranten insgesamt benutzt zu werden. Dabei ist Zwangsverheiratung "nur" eine besondere Erscheinungsform der Gewalt gegenüber Frauen. Und Gewalt und sexuelle Gewalt gegenüber Frauen und Kindern im Allgemeinen sind weit mehr verbreitet und kommen in deutschen wie auch in Migrantenfamilien vor.

Die Befürchtung, das Phänomen Zwangsheirat könne für migrantenfeindliche Stimmen und Stimmungen weitere Argumente liefern, soll uns nicht davor zurückschrecken lassen, das Problem zu benennen. Als Mitarbeiterin der Kriseneinrichtung PAPATYA habe ich vor allem das Leid der Betroffenen im Auge. Jahr für Jahr suchen uns etliche Mädchen und junge Frauen mehrheitlich türkischer und arabischer Herkunft auf, weil sie wegen drohender Zwangsheirat aus ihren Familien geflüchtet sind. Gerade vor den Sommerferien ist der Zulauf am stärksten.

Das Ausbrechen aus dem gewohnten Kreis ist für die jungen Frauen kein leichter, sondern angesichts ihrer aussichtslos erscheinenden Lage ein durchaus gewagter Schritt. Sie müssen befürchten, mit ihrem Weggang ihre in ihrer "Ehre" gekränkte Familie zu verlieren, verachtet und ausgestoßen zu werden. Sie sind auf ein Leben außerhalb der Familie nicht vorbereitet; so machen ihnen das Auf-sich-allein-gestellt-sein und die Trennung vom alten Umfeld große Sorgen. Überwiegend empfinden sie die Flucht aus der Familie nicht als eine Befreiung, sondern als Notlösung.

Warum tun aber Eltern ihren Töchtern das an? Die Situation in Berlin und auch in anderen Großstädten macht ohne Ausnahme allen Eltern Sorge: Gewalt in der Schule und auf der Straße, wachsende Kriminalität und Drogenmissbrauch, Perspektiv- und Orientierungslosigkeit der Jugendlichen etc.

Die einen rufen nach höheren Strafen, Ordnung und Disziplin, die anderen greifen in die "eigene" Mottenkiste patriarchaler Traditionen. Die Sorgen der Eltern kann man verstehen, aber nicht die Mittel, zu denen sie manchmal greifen. Viele Eltern türkischer und arabischer Herkunft betrachten Berlin als gefährliches Pflaster und befürchten, ihre Tochter könne ihrem Einfluss entgleiten oder zu Drogenmissbrauch verführt und sexuell ausgenutzt werden. Auf ihnen lastet traditionell die Bürde, ihre Töchter als Jungfrauen in die Ehe zu führen. Können sie trotz strenger Kontrolle dem Freiheitsstreben der Töchter nicht mehr ausweichen, wird rasch an Verheiratung gedacht.

Ein türkisches Sprichwort sagt: "Lässt man Tochters Wille geschehen, so heiratet sie entweder einen Trommler oder einen Flötenspieler" (sprich: einen brotlosen Musiker). Die arrangierte Ehe gilt bei vielen türkischen und arabischen Eltern als traditionelles Muster der Familienbildung und soll eine gute Versorgung der Töchter sichern. Eine Heirat z.B. mit einem Cousin bietet sich auch an, um die familiären Bindungen und den Zusammenhalt zu stärken, die in der Migration erhebliche Bedeutung gewinnen. Eine arrangierte Ehe ist zwar noch keine Zwangsehe, aber die Grenze ist nicht immer ganz klar, vor allem, wenn die zu Gehorsam und Scham erzogenen Töchter kein klares Nein herausbringen. Junge Frauen werden nicht nur überhört, oft genug werden sie durch emotionale Erpressung, Gewalt und Drohungen in die Ehe gezwungen.

Betroffene Mädchen und junge Frauen, die ständig im Konflikt zwischen Wert-und Normvorstellungen des Elternhauses und des deutschen Umfeldes stehen, sind oft bereit, viele Freiheitseinschränkungen und Verbote hinzunehmen. Aber zumindest den künftigen Ehemann möchten sie selbst aussuchen. Wird ihnen das verwehrt, bleibt ihnen nichts, als davonzulaufen. Sie suchen Hilfe in Mädchenkriseneinrichtungen und Frauenhäusern.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass die wenigen bestehenden Einrichtungen mit geheimer Adresse und multikulturell zusammengesetztem Team in ihrem Bestand gesichert werden und auch die Möglichkeit bekommen, junge Volljährige aufzunehmen. In Berlin haben sich Migrantinnen und deutschen Frauen, die in Beratungs-und Anlaufstellen arbeiten, zu einem Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung zusammengeschlossen. Sie möchten Betroffene über vorhandene Hilfs-und Unterstützungsmöglichkeiten informieren und versuchen, weitere Maßnahmen auszuloten. Öffentliche Aufmerksamkeit für dieses Thema zu gewinnen ist ein wichtiger Schritt. Erfreulich ist, dass etliche Migrantinnen als ehemals Betroffene an die Öffentlichkeit treten und sich gegen Zwangsheirat engagieren. Sie haben Vorbildfunktion.

Wünschenswert wäre, dass mehr männliche Migranten sich dieses Themas annehmen, um ihren Mitstreiterinnen vor allem in der türkischen und arabischen Community Rückhalt zu gewähren. Dieses Problem darf nicht länger totgeschwiegen werden.

Erschienen am 17.07.2003 in Frankfurter Rundschau

 

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