"Einen Weg zurück gibt es nicht"

18-jährige Türkin widersetzt sich der Zwangsverheiratung - Seither lebt sie versteckt und in Angst vor Rache

Von Nicole Dolif

Gerade mal 25 Euro für den schmalen Ring aus Weißgold. Mehr hat Asya* von dem Berliner Juwelier nicht bekommen. Doch sie zuckt die Schultern. "Ist auch egal. Ich bin froh, dass ich ihn los bin." Der Ring war für die 18-jährige Türkin eine Fessel, das Symbol für die Heirat mit ihrem Cousin Mehmet, zu der ihr Vater sie zwingen wollte. Im vergangenen November sollte es soweit sein. Die Vorbereitungen für die Hochzeit liefen auf Hochtouren, die Tickets für die Reise in die Türkei waren schon gekauft - da zerschnitt Asya die Fessel und lief davon.

Seit Monaten lebt die junge Frau nun versteckt in Berlin. Geheime Adresse, geheime Telefonnummer, kein Name am Klingelschild. "Wenn mein Vater mich findet, bin ich dran", sagt Asya. "Ich habe seinen Stolz verletzt und die Familienehre beschmutzt. Das ist so ziemlich das Schlimmste, was man als Tochter machen kann." Asya kennt die türkischen Traditionen. Sie weiß, dass es für ihren Vater nur eine Möglichkeit gibt, seine Ehre wiederherzustellen. "Er muss mich töten", sagt sie leise. "Aber ich glaube nicht, dass er so weit gehen würde." Angst hat sie trotzdem. Große Angst.

Vor ziemlich genau einem Jahr konnte Asya sich noch gar nicht vorstellen, dass sie sich einmal vor ihrer eigenen Familie verstecken würde. Wie jedes Jahr packten sie, ihre sechs Geschwister und die Eltern um diese Zeit ihre Koffer, um für ein paar Wochen in ein kleines Dorf in der Nähe von Istanbul zu fahren. Asya ist in diesem Dorf geboren. Aber aufgewachsen ist sie in Neukölln. Sie spricht perfekt Deutsch, trägt enge Jeans, Turnschuhe und die langen Haare offen.

Die ersten Wochen in der Türkei waren fast wie immer. "Nur, dass ein bestimmter Teil der Familie meines Vaters besonders viel bei uns war", sagt Asya. Es waren die Eltern von Mehmet. Denn die Heirat von Asya und Cousin Mehmet war zwischen den Familien bereits seit Jahren beschlossene Sache. Alle haben es gewusst. Alle - außer Asya. Zwei Tage bevor es wieder zurück nach Berlin ging, kam Asyas Vater in ihr Zimmer. "Du wirst in ein paar Monaten Mehmet heiraten."

Asya sah ihren Vater ungläubig an. "Das kann ich nicht. Ich liebe ihn nicht", sagte sie. Sie weinte, flehte, versuchte zu diskutieren. Doch der Vater blieb hart. Asya: "Es war unvorstellbar, dass ich Mehmet heiraten sollte. Ausgerechnet den Cousin, den ich besonders schrecklich fand. Er ist in diesem Dorf in der Türkei aufgewachsen und kaum zur Schule gegangen. Wir haben nichts gemeinsam."

Gleich am nächsten Morgen wurden die Weißgoldringe und ein Kleid gekauft. "Ich habe versucht, mich zu wehren und mich möglichst schlecht zu benehmen, damit Mehmet mich nicht will", sagt Asya, "aber es hat nichts genützt." Schon am Abend kam die Verwandtschaft zur Verlobungsfeier. Irgendwann im Laufe des Abends steckte Mehmet ihr dann einfach den Ring an den Finger. Damit war für ihn endgültig klar: Jetzt gehört sie mir.

Mit dem Flugzeug geht es dann zurück nach Berlin. Ihre Eltern reden nur noch über die Hochzeit im November. Alles war geplant: Ein großes Fest in der Türkei sollte es werden, mit einer feierlichen Entjungferung. Dann würden sie alle zusammen nach Deutschland fliegen. Mehmet, Asya, ihre Eltern und Geschwister. Sogar eine Wohnung im gleichen Haus in Neukölln hat der Vater für das junge Paar schon besorgt. "Das Ganze war ein einziger Albtraum", sagt Asya, "mir wurde immer klarer, dass ich von zu Hause weg muss. Und zwar möglichst schnell."

Von da an nimmt Asya jeden Morgen ein paar Kleinigkeiten mit zur Arbeit und versteckt sie dort in ihrem Schreibtisch. Erst das Tagebuch, dann ein paar Fotos und Kleidungsstücke. Sie ist sehr vorsichtig, damit ihre Eltern nichts merken. Es sind nur noch zwei Wochen, bis Asya Mehmet in der Türkei das Ja-Wort geben soll. "Ich bin dann einfach etwas eher als sonst zur Arbeit gegangen. Denn ich wollte sicher sein, dass ich niemanden im Büro treffe."

Sie stopft all die Sachen in einen geliehenen Koffer, zerschneidet ihre Handy-Karte, damit sie wirklich nicht mehr erreichbar ist und verlässt leise das Büro. Von einer Telefonzelle aus wählt sie die Nummer des Jugend-Notdienstes. "In zwei Wochen soll ich verheiratet werden", sagt Asya ins Telefon. "bitte helfen Sie mir." So kam Asya zu Papatya.

Asya konnte die Heirat nur verhindern, weil sie ihre Familie verlassen hat. Und zwar wahrscheinlich für immer. "Einen Weg zurück gibt es für mich nicht", sagt Asya. Sie hat von ihrer großen Schwester, mit der sie einmal telefoniert hat, erfahren, dass ihr Vater ganz wahnsinnig vor Wut gewesen sei, als er gemerkt habe, dass Asya verschwunden war. "Er hat meine Schwester grün und blau geprügelt, damit sie sagt, wo ich stecke", sagt Asya traurig. "Zum Glück hat sie dichtgehalten."

Drei Wochen lang hat sich der Vater nicht getraut, Mehmet am Telefon zu sagen, dass seine Braut weggelaufen sei. "Er hat gesagt, ich sei im Krankenhaus", sagt Asya und kichert unsicher. "Aber dann musste er irgendwann doch raus mit der Sprache. Seitdem gelte ich als Schlampe. Aber dafür bin ich jetzt zum ersten Mal in meinem Leben frei."

(*alle Namen geändert)

 

Berliner Morgenpost vom 25.05.2004

 

 

zurück

nach oben