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Drei Jahre mit Mehmet Aleyna war vierzehn, als sie mit einem Berliner Türken verheiratet wurde. Ihr Mann schlug und vergewaltigte sie - dann fand sie Hilfe bei "Papatya" BERLIN, im April. Du bist vierzehn. Du sollst heiraten. Deine Mutter sagt, jedes Mädchen ist mit vierzehn dran. Dein Vater sagt, er werde dich töten, wenn du nicht mitmachst. Also machst du mit. Dein Mann vergewaltigt dich schon bei der Verlobung, und deine Familie steht dabei vor der Tür. Dann wirst du geschlagen, von deinem Mann, von deinen Eltern und von deinen Schwiegereltern. Mit Schuhen, mit einem Bügeleisen. Weil du deinem Mann nicht gehorchst. Weil du sein Kind verlierst. Du bist vierzehn und kennst nur dein Dorf. Flucht? Du weißt nicht, dass es so etwas gibt. Ein Zimmer zum Hof Seit einem dreiviertel Jahr wohnt Aleyna* in einer kleinen Hinterhofwohnung in Berlin. Sie ist jetzt achtzehn Jahre alt, hat sich gerade eine Dauerwelle zugelegt und trägt gern hautenge T-Shirts. In ihrem Zimmer stehen ein Bett, ein Fernseher auf einem Pappkarton, eine kleine Palme, ein Schrank. Sonst nichts. Kein Bild hängt an der Wand und nichts liegt herum, gar nichts. Aleyna putzt andauernd. Die Fenster, die Heizung, das Bad und wieder die Fenster. "Solange ich putze", sagt Aleyna, "habe ich keine Angst." Keine Angst vor Mehmet, ihrem Mann. Das war schon so, als sie noch für ihn und seine Familie putzen musste. Sie hörte dann auf zu denken. Und die anderen ließen sie in Ruhe, solange sie Aleyna putzen sahen. Drei Jahre lebte die junge Türkin mit Mehmet. Drei Jahre, in denen sie mehr als einmal fürchtete, er würde sie totschlagen. Ihr Leben spielte sich in jener Zeit hauptsächlich an drei Orten ab: in einer Drei- Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln, die sie mit ihren Schwiegereltern, ihrem Mann und seinen fünf Brüdern teilte. In Anatolien in dem Haus ihrer Eltern, einem armen Hufschmid und seiner Frau, die ihre Tochter gegen ein Brautgeld mit dem unbekannten Cousin in Berlin zwangsvermählt hatten. Und im Flugzeug. Im Flugzeug saß Aleyna alle paar Wochen. Immer, wenn Mehmet - siebzehn war er bei der Heirat - wieder sagte: "Ich hab die Schnauze voll von dir, Miststück, geh zurück zu deinen Eltern." Oder wenn ihr Vater wieder sagte: "Du machst mir Schande, du Schlampe, du beschmutzt meine Ehre. Geh zurück zu deinem Mann, er hat für dich bezahlt." Berlin-Ankara, Ankara-Berlin. Aleyna hat nicht ein Mal darüber nachgedacht, dass Flugzeuge auch woanders hinfliegen. Ein Foto hat Aleyna von Mehmet behalten. Auf dem Bild sieht man einen Jungen mit einem weichen, konturlosen Gesicht. Ein Muttersöhnchen. Er hat sich mit türkischen Mädchen in Berlin amüsiert; er hat sich auf Geheiß seiner Mutter eine Jungfrau aus der Heimat zur Frau genommen. "Mehmet ist so", sagt Aleyna, "und ein Meister des Prügelns." Aleyna sagt oft, "es ist normal", wenn ihr die Worte für ihre Gefühle fehlen. Sie sagt, es war "normal", dass Mehmet sie vergewaltigte, dass er sie in den Bauch trat, dass er versuchte, sie aus dem Fenster zu stürzen, dass sie vor allen anderen aufstehen musste und erst nach ihnen zu Bett gehen durfte. Am schlimmsten wurde es an einem Novembermorgen 1998. Mehmet und Aleyna waren allein in der Neuköllner Wohnung. Sie weigerte sich wie immer, mit ihm zu schlafen. Diesmal schlug er nicht nur mit der Faust zu. Er hämmerte ihren Kopf gegen die Wand, immer wieder. Dann zwängte er ihren Kopf in eine Nische in der Wand neben dem Bett, würgte sie und schlug auf ihren Rücken ein. Als Aleyna fast bewusstlos war, schleifte er sie ins Bad und schloß sie ein. Dann verließ er die Wohnung. Aleyna lag bis zum Abend in ihrer Blutlache auf dem Boden. Drei Wochen später kündigte sich unverhofft Rettung an. Mehmet brauchte Geld, und da Aleyna die mit dem Brautgeld verbundene Gegenleistung des Kinderkriegens nicht erbrachte, sagte er, sie solle arbeiten. Er brachte sie zum Arbeitsamt, eine junge Frau, die keine Ausbildung hatte und kein Deutsch sprach. Das Arbeitsamt besorgte ihr eine Stelle in einem Frauenprojekt für Türkinnen. Dort erschien sie mal mit aufgeplatzten Lippen, mal mit einem blauen Auge, mal konnte sie den Hals kaum bewegen. An einem Tag im Februar vergangenen Jahres kamen die Kolleginnen zu Aleyna und sagten: "Jetzt reicht es. Du gehst nicht zu deinem Mann zurück." Die Kolleginnen informierten den Jugendnotdienst. Dann setzten sie Aleyna in ein Taxi, das sie dorthin fuhr. Und auf einmal wurde ihr klar, dass sie nie wieder zu Mehmet zurückwollte, nie wieder in dieses "Grab". So kam Aleyna zu "Papatya", mit nichts als der Kleidung, die sie auf dem Körper trug. Die geheime Adresse "Papatya" ist eine Zuflucht für moslemische Mädchen zwischen 13 und 18 Jahren, eine Einrichtung in Berlin, die einzigartig ist in Deutschland. Aleyna wußte, dass Mehmet sie hier nicht finden würde, denn die Adresse ist geheim. Trotzdem hatte sie Angst, als sie vom Jugendnotdienst in die helle, zweistöckige Wohnung gebracht wurde. Sie schämte sich für ihre blutunterlaufenen Augen und ihre blauen Flecke. Sie wußte nicht, dass alle Mädchen bei "Papatya" ähnliche Erfahrungen hinter sich haben. Es gibt in Berlin mehrere hundert moslemische Mädchen, die misshandelt oder missbraucht werden. Oder zwangsverheiratet. Aleyna bekam ein Zimmer zusammen mit Yeter. Yeter war vierzehn, zweisprachig in Wilmersdorf aufgewachsen und die jüngste von fünf Geschwistern. Sie hatte Freundinnen, ging zur Schule, zum Fußball und zum Volleyball und wurde nur manchmal von der Mutter mit einem Hauslatschen oder vom Vater mit einem Teigroller verprügelt. Yeter ist weggelaufen und wollte nicht zurück. Vor Gericht begründete sie diesen Wunsch damit, dass ihre Eltern sie zu Hause nicht beachteten. Sie kümmerten sich weder darum, ob sie Hunger habe noch wie es ihr in der Schule ging. Auf der Zuhörerbank drohte Yeters Vater der Sozialarbeiterin von "Papatya" auf Türkisch mit Mord. Das verstand die Familienrichterin aber nicht. Sie konnte sich auch nicht vorstellen, wie es ist, mitten im modernen Berlin in einer traditionellen türkischen Familie aufzuwachsen. "Der Himmel der Mädchen ist unter den Füßen der Väter", lautet ein türkisches Sprichwort. "Wer seine Tochter nicht schlägt, haut sich später auf den Oberschenkel", ein anderes. Der Name Yeter heißt übersetzt "es reicht". So werden Mädchen genannt, die unerwünscht waren. Am zweiten Tag, nachdem Aleyna Mehmet verlassen hatte, meldete er sie beim Einwohnermeldeamt ab. Ihr Aufenthalt in Deutschland wäre damit illegal geworden, wenn es nicht die Regelung gäbe, dass Mädchen, die zu "Papatya" kommen, zunächst bleiben dürfen. Die Sozialarbeiterinnen ermutigten Aleyna, Mehmet anzuzeigen: wegen Freiheitsberaubung, Misshandlung, sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung. Sie wusste nicht, dass Mehmet sich strafbar gemacht hatte. Er hatte ihr erklärt, es sei sein Recht, sie zu schlagen. Dass das Verheiraten von Minderjährigen und das Zahlen von Brautgeld auch in der Türkei verboten ist, hatte er ihr nicht erklärt. Durch "Papatya" lernte Aleyna Deutsch an der Volkshochschule und bekam Arbeit in einem Ausländerprojekt. Die Betreuerinnen sorgten für Termine beim Arzt, beim Jugendamt und bei der Ausländerbehörde. Gemeinsam essen, miteinander reden, sich gegenseitig helfen. Langsam merkte Aleyna, dass sie nicht so nutzlos war, wie sie immer gedacht hatte. Auch wenn sie sich immer noch nicht allein beschäftigen konnte. Putzen, rauchen, fernsehen, Tee trinken. Viel mehr interessierte sie nicht. Schließlich, nach sechs Monaten, traute sie sich jedoch, eine eigene Wohnung zu nehmen. Und im Herbst 1999 stellte sie Strafanzeige gegen Mehmet. Ihre Aufenthaltsgenehmigung wurde daraufhin bis Mai verlängert. Solange sie bei Mehmet war, hatte sie immer Sehnsucht nach der Türkei. Heute will sie nicht mehr dahin. Sie wäre dort eine "dul", eine Frau, die nicht mehr Jungfrau ist. In der traditionellen Gesellschaft, aus der Aleyna stammt, würde ein junger Mann niemals eine "dul" zur Frau nehmen. Eine "dul" wird bestenfalls mit einem 50-Jährigen Witwer verheiratet. Aleynas Vater hat ihr am Telefon erklärt, er werde sie umbringen, wenn sie nach Hause käme. Sie solle in Deutschland bleiben. Dann lästerten zumindest die Verwandten in der Türkei nicht ununterbrochen darüber, dass seine Tochter ihren Mann verlassen hat. Aleyna hat einen Brief von der Bewag bekommen. Sie sitzt auf dem Fußboden in ihrem Zimmer, tippelt mit den Füßen auf den Boden und zupft an ihrer Hose, während Filiz den Brief vorliest. Filiz ist Aleynas Einzelfallbetreuerin und kommt zweimal in der Woche. "Das ist nur deine Stromabrechnung", sagt Filiz, "du musst noch etwas nachzahlen. Das kannst du beim Sozialamt angeben." Aleyna versteht nicht. "Du machst jetzt eine Kopie in dem Kopierladen um die Ecke, steckst die Kopie in einen Umschlag, klebst eine Marke darauf und schreibst die Adresse des Sozialamtes darauf. Dann wirfst du den Brief ein, unten auf der Straße ist ein Briefkasten, das weißt du doch." Angst vor der Abschiebung Filiz hat Aleyna schon auf vielen Wegen begleitet. In die U-Bahn, zu H+M und zu Burger King, wo Aleyna so gerne hingeht und sich von einem Mann einen Burger und eine Cola spendieren lässt. So was genießt sie jetzt. "Männer ausnutzen", nennt sie es. Filiz hat Aleyna auch zur Polizei begleitet. Bei der ersten Anhörung wurde Aleyna von einem Polizisten und einem Dolmetscher befragt. Es war ihr peinlich, den Männern detailliert von den Vergewaltigungen zu berichten. Zum Beispiel, dass Mehmet ihr immer ein Kissen aufs Gesicht drückte, damit sie nicht schreien konnte. Also erzählte sie nichts. Weil Filiz die Polizei schriftlich darüber unterrichtete, wurde Aleyna ein zweites Mal verhört, diesmal von Frauen. Demnächst entscheidet die Staatsanwaltschaft, ob sie Anklage gegen Mehmet erhebt. Von der Dolmetscherin erfuhr Aleyna, dass Mehmet in der Türkei die Scheidung eingereicht hat. Sie lüge von A bis Z, das habe er einfach satt. Aleyna könnte diese Begründung akzeptieren und wäre schnell von ihm geschieden. Aber sie hat Anspruch auf Unterhalt, das macht die Sache schwierig. Mehmet wird vermutlich nicht bereit sein, arbeiten zu gehen und ihr Unterhalt zu zahlen. Aleyna aber braucht das Geld, sie muss ihre Anwältin bezahlen. In wenigen Wochen droht ihr die Abschiebung, weil sie nicht mehr bei ihrem Mann wohnt. Aleyna hofft auf eine Härtefallregelung. Weil sie minderjährig, gegen ihren Willen und mit besonderer Gewalt nach Deutschland gebracht wurde. Weil ihr Vater sie töten will. In der Türkei. *Alle Namen wurden von der Redaktion geändert. |
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Berliner Zeitung vom 08.04.2000 |
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